Erbschaften in der Gesellschaft der Ungleichen

Martin Schürz, 4. Juli 2014

mskLange wurde das Thema der sozialen Ungleichheit von Mainstream-ÖkonomInnen vernachlässigt. Doch Thomas Piketty hat in Capital in the 21. Century die Frage wieder in den Mittelpunkt gestellt. Die extreme Einkommens- und Vermögenskonzentration in den Händen einiger weniger ist nun unbestritten und ihre desaströsen Folgen werden breit diskutiert. In der neuen AK-Broschüre „Top-Vermögen und Einkommen in Österreich“ werden die wichtigsten Ergebnisse zur ungleichen Verteilung, zu Reichtum und Erbschaften anschaulich präsentiert. Piketty wird mit den darin enthaltenen Forderungen keine Probleme haben – im Gegenteil: Ausgehend von den gravierenden Problemen durch Vermögenskonzentration ist er in seinen wirtschaftspolitischen Forderungen radikaler.

Erbschaften sind sehr ungleich verteilt, wie folgende Grafik zeigt:

Anm.: Abgebildet sind die Dezile der Haushalts-Nettovermögen  insgesamt

Anm.: Abgebildet sind die Dezile der Haushalts-Nettovermögen insgesamt

Das Erbgeschehen macht einen zentralen Part des Buches von Piketty (Kapitel 3 Verdienst und Erbschaften in der langen Frist) aus. In einer Rezension in Wirtschaft und Gesellschaft beschäftige ich mich tiefergehend mit statistischen Reichtumsfragen und Reichtumsbegründungen.

Verdient mehr, wer mehr leistet?

Meritokratie, verstanden als das Prinzip „wer mehr leistet, soll mehr verdienen“, ist ein ideologischer Eckpfeiler der Begründung des Sinns von Einkommensungleichheit im Kapitalismus. Ungleichheit liefere einen Anreiz mehr zu leisten. Piketty kritisiert den Rechtfertigungsapparat dieses meritokratischen Extremismus. Die Supermanager mit ihren fetten Boni lassen viele zweifeln, ob es solche HeldInnen der Arbeit überhaupt geben kann. Und beim Vermögen wird es mit dem vernünftigen Begründen der extremen Ungleichheit und der exklusiven Stellung der Superrentiers noch schwerer. Zwar versuchen auch Vermögende ihren Reichtum gegenüber dem Rest der Bevölkerung mit erbrachter Leistung zu rechtfertigen, doch geht es nur um den Vergleich zwischen Supermanagern und Superrentiers.

Piketty macht zudem darauf aufmerksam, dass Meritokratie die gesellschaftlichen VerliererInnen kränkt. Er spricht daher vom meritokratischen Extremismus. Dies zeigt, welch sensibler Zeitdiagnostiker er ist und dass er auch soziologische und sozialpsychologische Literatur rezipiert. Es ist vernünftig nicht zu begründen, warum in unserer Gesellschaft auf einem solch hohen allgemeinen Niveau des Wohlstands, so viele Menschen fast nichts haben, während einige wenige im Luxus leben. Diese Kluft über Leistung zu legitimieren missachtet die Armen. Arme müssen aufgrund ihrer vielfältigen Benachteiligungen besonders viel leisten und werden doch fast nie als LeistungsträgerInnen betrachtet. Ihr sozialer Aufstieg wird zudem immer schwieriger.

Erbschaften als leistungslose Vermögenstransfers

Im 19. Jahrhundert gab es 10% der Bevölkerung, die mehr erbten und geschenkt bekamen, als die untere Hälfte in ihrem gesamten Leben verdiente. (Für seine Berechnung nahm Piketty einen Zeitraum von 50 Jahren an und bezog sich auf das durchschnittliche jährliche Arbeitseinkommen in der unteren Hälfte – einschließlich Pensionen.) Im 20. Jahrhundert sank der Anteil der reichen Erben, die allein von ihrer Erbschaft leben konnten, auf 2%: Kriege und Steuern hatten die Bedeutung der Erbschaften sinken lassen. Doch im 21. Jahrhundert dreht sich der Trend. Die Kohorten der ab 1970 Geborenen können wieder größere Erbschaftsvolumen erwarten. Geerbt wird das Vermögen des wohlhabenden Teils der Nachkriegsgeneration. Piketty diagnostiziert, dass die Gruppe dieser Menschen, die nichts arbeiten müssen, weil sie von der Erbschaft leben können, auf 12% anwächst.

Demnach wird aber die Meritokratie zum gesellschaftlichen Auslaufmodell. Zwar hat sie in Wirklichkeit ohnedies nicht gegolten. Die Gesellschaft gewinnt nichts, wenn man die Managergehälter statt um eine Million um 10 Millionen Dollar erhöht, meint Piketty, aber zur Rechtfertigung von Ungleichheit war sie wichtig, weil sie Hoffnungen auf den möglichen sozialen Aufstieg befeuern konnte

Geerbtes Vermögen bestimmt zunehmend Sozialstrukturen

Unsere Gesellschaft beginnt jener des 19. Jahrhunderts mit völlig verfestigten Sozialstrukturen zu ähneln. Entscheidend ist in einer solchen Welt das geerbte Vermögen. Die reichen Herrschaften und der dienende Rest charakterisieren eine Gesellschaft, in der die Demokratie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Und aus ökonomischer Sicht hat die exzessive Ungleichheit im 19. Jahrhundert das Wirtschaftswachstum gebremst, argumentiert Piketty. Vor dem ersten Weltkrieg besaßen 1% in Paris 70% des Vermögens, während 2/3 so wenig hatten, dass ihre Beerdigungskosten nicht davon bezahlt werden konnten.

In einem noch unfertigen Arbeitspapier werden Pirmin Fessler und ich erstmals auf Basis von HFCS-Daten die enorme Bedeutung des Erbens für die Vermögensverteilung nachweisen. Erbschaften in Österreich haben im Euroraum vergleichsweise eine große Wichtigkeit. Konkret, die Position eines Haushaltes innerhalb der Vermögensverteilung (aufgeteilt nach Perzentilen, d.h. Verteilung aufgeteilt nach 100 Teilen), verbessert sich durch Erbschaften und Schenkungen massiv. So wird man mit einer Erbschaft durchschnittlich um 17 Perzentile in der Vermögensverteilung nach oben getrieben. Ausgeprägter ist die Situation nur in Deutschland.

… zumindest soweit es sich messen lässt

Doch erneut werden wir in unserer Schlussfolgerung festhalten, dass die HFCS-Daten zum Erbgeschehen nicht hinreichend sind. ErbInnen haben eine Reihe von Motiven, ihre Angaben zum Ausmaß des Ererbten bescheidener zu gestalten. Deswegen zweifelt Piketty zu Recht an freiwilligen Haushaltserhebungen. Die Probleme bei der Erfassung Vermögensreicher sind eklatant. Folglich wird die Vermögenskonzentration verharmlost. Im HFCS wird aus diesem Grund ein hoher methodischer Aufwand betrieben.

Für Piketty ist Transparenz bei Verteilungsdaten entscheidend. Erst vollständige Daten zu den Reichen erlauben eine ernsthafte Gerechtigkeitsdebatte Dies bedeutet, dass dem Staat zuallererst die Aufgabe zukommt, das tatsächliche Ausmaß der Ungleichverteilung zu eruieren. Dem letzten Satz seines Buches kann uneingeschränkt zugestimmt werden: „Refusing to deal with numbers rarely serves the interests of the least well-off“.