Enthüllung als Zeichen der Emanzipation? Ein kritischer Blick auf die aktuelle „Kopftuchdebatte“

Katharina Hametner und Natalie Rodax, 9. August 2017

Debatten über „das Kopftuch“ sind aktuell stark geprägt durch eine Dichotomie: „Verschleierung“ gilt als Zeichen von Unterdrückung und Rückständigkeit, „Entschleierung“ als Zeichen von Emanzipation und Modernität. Patriarchale Verstrickungen, die in eindimensionaler Weise Muslimen und Musliminnen zugeschrieben werden, erscheinen im „Westen“ längst überwunden – Geschlechterungleichheit wird zum Problem der „Anderen“. Aber wie werden diese eindimensionalen Positionierungen im medialen Diskurs hergestellt und was bedeuten sie für österreichische Musliminnen?

Zur Verflechtung von anti-muslimischem Rassismus und Sexismus im Diskurs

Die Frage der Verschleierung ist, spätestens seit im österreichischen Parlament beschlossen wurde, dass ab Oktober 2017 das neue „Vollverschleierungsverbot“ in Kraft tritt, in aller Munde. Im Sprechen über das Tragen bzw. Nichttragen eines Kopftuches werden im medialen Diskurs dabei oftmals Stimmen rechts orientierter Parteien laut. So versprach Heinz Christian Strache (FPÖ) bereits 2010 im Wahlkampf „Wir schützen freie Frauen. Die SPÖ den Kopftuchzwang“ (das Originalplakat ist leider nicht mehr verfügbar; ein Artikel über die Kampagne kann hier eingesehen werden). Auf anderen Plakaten der FPÖ, die „schöne österreichische Mädels“ zeigen, heißt es „Zu schön für einen Schleier“. Was sich hier zeigt, ist eine Darstellung des Islams, der durch Zwang und Unterdrückung gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu erscheint das adressierte „österreichische Wir“ als für Freiheit/Befreiung und Emanzipation stehend. Mittels dieser Gegenüberstellung „kopftuchtragender“, „unterdrückter“ Musliminnen und scheinbar „freier“ und „gleichberechtigter“ bzw. „westlicher“ Frauen wird nicht nur die Ablehnung muslimischer Praktiken gerechtfertigt, sondern auch die eigene patriarchale Verstrickung verschleiert. Wenngleich oberflächlich eine Befreiung der Frau propagiert wird, bleibt der Modus der Plakate doch sexistisch: So ist es der männliche Part, der Frauen schützt oder der objektivierende Blick auf den Frauenkörper. Was bleibt, ist die Möglichkeit, über diese eindimensionale Projektion patriarchaler Verstrickungen in Bezug auf „muslimische Andere“ Ressentiments zu schüren. Diese bleiben aber nicht bloß auf Wahlplakate beschränkt, sondern manifestieren sich aktuell in kontinuierlichen Debatten über „das Kopftuch“ auf politischer, medialer und alltäglicher Diskursebene, in Kundgebungen von PEGIDA in verschiedenen österreichischen Städten sowie in einem enormen Anstieg an antimuslimisch motivierten verbalen und physischen Angriffen, die sich in erster Linie gegen muslimische Frauen richten (Antimuslimischer Rassismus Report 2016). Was sich dabei immer wieder zeigt, ist die Gegenüberstellung von „Verschleierung“ als Zeichen der Unterdrückung und Rückständigkeit und „Entschleierung“ als Zeichen der Emanzipation und Modernität.

Wie aber werden diese eindimensionalen Positionierungen im medialen Diskurs hergestellt und was bedeuten sie für österreichische Musliminnen? Diesen Fragen gingen wir im Rahmen einer Studie an der Sigmund Freud Privatuniversität nach. Unser Fokus lag dabei einerseits auf einer diskursanalytischen Untersuchung der Darstellung von Musliminnen in österreichischen Frauenzeitschriften („Woman“ und „Wienerin“) im Zeitraum von 2010–2016. Andererseits beschäftigte uns die Frage, was diese Inszenierungen für die alltäglichen Erfahrungen von in Wien lebenden Musliminnen bedeuten. Dieser Frage näherten wir uns auf Basis exemplarisch geführter narrativer Interviews mit Wiener Musliminnen an, die wir mit der dokumentarischen Methode auswerteten.

Enthüllt vs. Verhüllt – zur zentralen Dichotomie in der medialen Repräsentation muslimischer Frauen

Was sich im Rahmen unserer Analyse der Frauenzeitschriften zeigte, ist eine stark dichotome Darstellungsweise muslimischer Frauen. Konträr gegenübergestellt werden die „verhüllte“ muslimische Frau, die als „unterdrückt“, „passiv“ und als die kulturell beschränkte „Andere“ erscheint und die „enthüllte“ muslimische Frau, die sich freizügig präsentiert und die „selbstbewusst“ und „selbstbestimmt“ wirkt. Die Konstruktion beider Positionierungen wird vorwiegend anhand der Themenkomplexe „Verschleierung“ und „Gender“ vollzogen. So werden kopftuchtragende Musliminnen vordringlich im Zusammenhang mit Themen wie Zwangsheirat, Unterordnung in ein patriarchales System und „Kopftuchzwang“ portraitiert; nichtkopftuchtragende Musliminnen hingegen im Kontext der Präsentation „moderner“ Lebensstile rezipiert, in denen es oftmals um Themen des „westlichen“ Schönheitshandelns oder um eine Abkehr von einem „starren“ Islam geht. Zudem kommen erstere in den Artikeln kaum selbst zu Wort, sondern sind „Gegenstand“ von Reportagen, denn es wird über sie gesprochen. Im Unterschied dazu wird die „enthüllte“ muslimische Frau häufig im Rahmen von Interviews dargestellt, sodass die Frauen dann tatsächlich in der ersten Person sprechen können.

Besonders manifest wird die dichotomisierende Darstellung „verhüllt“ versus „enthüllt“ in der bildlichen Inszenierung. Wie exemplarisch anhand zweier Bilder gezeigt werden kann, sind beide Bildprotagonistinnen zwar gleich alt, dennoch ist ihre Darstellung auffallend divergierend. Die eine Frau zeigt nackte Schultern, die Hand selbstbewusst in die Taille gestellt, eben ein „Austrias Next Topmodel“ und „darf“ sogar die Titelseite zieren. Im Gegensatz dazu die „Kinderbraut Abeer“ – ohne Nachnamen vorgestellt, „verhüllt“ in „traditionell“ anmutender Kleidung, in ihren Händen ein Kind, in passiv-sitzender Körperhaltung mit nach vorne gefallen Schultern und geneigtem Kopf, sodass große Teile des Gesichts im Schatten verborgen bleiben.

Selbstpositionierungen muslimischer Frauen im diskursiven Spannungsfeld

Was bedeutet diese Dichotomie von „verhüllt – unterdrückt“ und „enthüllt – emanzipiert“ nun für die alltäglichen Erfahrungen muslimischer Frauen? Kongruent zur diskursiven Präsenz hat das Kopftuch – also die Frage der „Verhüllung“ – auch im Rahmen der von uns geführten Interviews große Bedeutung und zwar egal, ob ein Kopftuch o. Ä. getragen wird oder nicht. Gegenüber nichtmuslimischen Mitmenschen, so berichten die Frauen, müssten sie sich kontinuierlich zum Kopftuch positionieren. Es besteht so etwas wie ein ständiger Thematisierungszwang. Eine Interviewpartnerin sagte: „Weil ich selber kein Kopftuch trage, isses immer die Leute versuchen einen halt dann immer gleich einzuteilen aber ist sie eine von den guten Muslimen oder ist sie eine von den schlechten Muslimen und dann ist da die Frage ‚und trägt deine Mutter Kopftuch?‘“ (Alev Z. 106-109). Nicht nur erfährt sie die ständige Einteilung in kopftuchtragend und nichtkopftuchtragend, auch bedeutet dies eine Wertung. Wer kein Kopftuch trägt, so wie sie, gehört zu den „guten“ Musliminnen. Eine andere Interviewpartnerin, die selbst Kopftuch trägt, fokussierte gleich am Beginn des Interviews Schwierigkeiten im Studienalltag, die das Tragen des Kopftuches mit sich bringt. Wenn sie als kopftuchtragende Muslimin in Gruppen mitarbeitet, erlebt sie, dass sie von ihren KollegInnen als „anders“ wahrgenommen wird. Sie „muss“ folglich „zeigen“, dass sie nicht „anders“ ist (Z. 31). Das Muslimin-Sein markiert hier somit die Position der „Anderen“, eine Position aus der heraus nicht „einfach so“ agiert und gesprochen werden kann, sondern eine Position, die ständig eine Thematisierung, ja Erklärung verlangt.

Die von uns interviewten Musliminnen erleben aber nicht nur die Notwendigkeit, das Tragen bzw. Nichttragen des Kopftuchs thematisieren zu müssen, sondern eine zentrale damit verknüpfte Unterstellung: Die eindimensionale Annahme, das Kopftuch sei mit Zwang verbunden. Erlebt werden wiederkehrende Nachfragen von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, die um das Thema der Unterdrückung kreisen, wie etwa „wirst du jetzt deinen Mann selber aussuchen oder wird dir das deine Eltern (…) ich habe immer erklären müssen, dass nicht jeder Kopftuch tragen muss“ (Dilan, Z. 14ff).

Letztlich aber haben die Antworten auf die kontinuierlich gestellten Fragen zu Kopftuch und Unterdrückung kaum Veränderung zur Folge. Trotz beständiger Selbsterklärung folgen die gleichen Fragen – wie folgendes Zitat verdeutlicht – aufs Neue: „Dann hörst von den Lehrern, eh in Turnsälen, (…) also wo man nur unter Mädchen ist, (…) naja, (…) wirst du jetzt deinen Mann selber aussuchen oder wird dir das deine Eltern? Ich hab solche Fragen ständig. Ich glaub jedes Jahr von derselben Lehrer, (…) also (…) wars denen scheißegal, wie oft du das denen erklärt hast. Die habens irgendwie nicht glauben wollen“ (Dilan Z. 16ff). Es zeigt sich, dass ihr Sprechen kontinuierlich ins mehrheitsgesellschaftliche Repräsentationssystem eingebaut wird. Wenn ihre Mutter Kopftuch trägt, müsste auch sie Kopftuch tragen bzw. ist anzunehmen, dass ihre Eltern sie verheiraten. Ihre wiederkehrenden Gegenpositionen werden schlicht nicht gehört bzw. geglaubt.

Was von den Interviewpartnerinnen hingegen als Schutz vor diesen Stereotypisierungen wahrgenommen wird, ist eine Nichtidentifizierbarkeit als Muslimin. Kongruent zum Diskurs ist hier das Nichttragen eines Kopftuchs von Bedeutung. Nicht als Muslimin erkannt zu werden, stellt einen Vorteil oder gar ein „Privileg“ dar: „Das ich halt, (…) das ich ständig einfach durch die Art und Weise, wie ich mich kleide oder wie ich mich verhalte, dass da Leute ohnehin mich immer als die ist eine von den Guten und die ist das ich dann eben so (…) ähm mit bestimmten Stereotypen dann nicht mehr kämpfen muss“ (Alev, Z. 125ff).

Conclusio

Auf Basis unserer Studie kann somit gesagt werden, dass muslimische Frauen im Diskurs dann zu Wort kommen, wenn sie eine bestimmte Form von Weiblichkeit an den Tag legen, die „die Enthüllung“ zur Bedingung hat. Westliches Schönheitshandeln wird somit zu einem „Hort der Freiheit“ stilisiert. Demgegenüber steht die „verhüllte“ muslimische Frau; ihre Position zeichnet sich durch „Sprachlosigkeit“ und die Position des „Opfers“ aus.

Genau diese Zuschreibungen zeigen sich auch in den Interviews. In der Alltagspraxis der von uns interviewten Frauen wird die Enthüllung als Möglichkeitsraum innerhalb der Mehrheitsgesellschaft erlebt. Wer kein Kopftuch trägt, hat mehr Chancen. Die Frauen erleben, sich ständig zum Kopftuch und dem ihm zugeschriebenen patriarchalen Zwang positionieren zu müssen. Die hegemonialen Bilder führen dazu, dass sich Musliminnen – egal ob sie Kopftuch tragen oder nicht – ständig erklären oder gar verteidigen müssen. Und nicht nur das: Hegemoniale Sprechweisen führen auch zur Legitimation von Ausschlusshandlungen, die sich u. a. in politischen Konzepten, am Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich zeigen.

*Das Forschungsprojekt erhielt Förderungen der MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien & des Zukunftsfonds der Republik Österreich.


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