Edmund Phelps Verleugnung der Austerität in Griechenland: Ergebnis eines kapitalen Datenfehlers

Achim Truger, 3.September 2015

Achim Truger 100x100In der Debatte um die Krise in Griechenland war weiten Teilen von Politik und Medien kein Klischee zu billig, um nicht bedient und keine Behauptung zu dumm und falsch, um nicht geäußert zu werden. Die „faulen Griechen“ oder die „Pleitegriechen“ sollten doch bitte endlich auch mal anfangen zu sparen, war immer wieder zu hören und zu lesen.

Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass der griechische Staat seit spätestens 2010 innerhalb weniger Jahre eine brutale Austeritätspolitik hatte umsetzen müssen, mit Ausgabenkürzungen und Einnahmenerhöhungen von – je nach Messung – mehr als 20 % des Bruttoinlandsproduktes. Dass hier ein enger Zusammenhang zu der katastrophalen Wirtschaftskrise in Griechenland besteht, sollte unmittelbar einsichtig sein.

Mittlerweile Konsens: Austeritätspolitik hat wesentlich zur Rezession beigetragen

IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hat schon vor einiger Zeit eingestanden, dass die Fiskal-Multiplikatoren, sprich die negativen Wirkungen der Austeritätspolitik, viel zu gering veranschlagt worden sind. Mittlerweile hat sich auch in der internationalen Fachdebatte die Einsicht durchgesetzt, dass die restriktive Finanzpolitik in den europäischen Krisenstaaten und damit gerade auch in Griechenland wesentlich zur Schwere und Dauer der dort herrschenden Rezession beigetragen hat.

Die Behauptung des Nobelpreisträgers

Diesem Konsens hat jüngst kein geringerer als Edmund S. Phelps, der US-Wirtschaftsnobelpreisträger, ausgerechnet im Falle Griechenlands, widersprochen. In einem Gastkommentar im Handelsblatt vom 20. August 2015 „Der falsche Hebel. Edmund S. Phelps ist überzeugt, dass höhere Staatsausgaben Griechenland nicht helfen würden“ ,   einer schlecht übersetzen Version des auf Project Syndicate erschienenen englischsprachigen Originals vom 6. August, widerspricht Phelps den von ihm so bezeichneten „Nachfragetheoretikern“, die behaupten, die Sparpolitik in Griechenland, habe zu einem Nachfragerückgang und damit zur akuten Depression dort geführt. Sein zentrales Argument ist empirisch. Zitat:

„Aber dies missdeutet die Geschichte. Der Rückgang der Beschäftigung in Griechenland setzte bereits vor den starken Kürzungen der öffentlichen Ausgaben ab 2012 ein. Die Staatsausgaben stiegen von 2009 bis 2012 auf ein Plateau von ungefähr 13,5 Milliarden Euro pro Quartal. 2014/15 gingen sie dann auf 9,6 Milliarden Euro zurück. Aber bereits 2012 sank die Zahl der Beschäftigten auf 3,6 Millionen, nach einem Höhepunkt von 4,5 Millionen von 2006 bis 2009.“

Aufklärung tut not

Wenn Edmund Phelps mit dieser Behauptung Recht hätte, dann wäre die mittlerweile weitgehend akzeptierte Erklärung der Krise in Griechenland mittels der restriktiven Finanzpolitik in der Tat schwer beschädigt. Wie sollte die Austeritätspolitik eine Krise verursacht haben, die bereits mehr als drei Jahre vor ihrem Einsetzen (fast) ihren Höhepunkt erreicht hatte?

Aufklärung tut not, und ein Blick auf die Daten wirkt wie so oft Wunder. Abbildung 1 zeigt zunächst die Entwicklung der Beschäftigung, der zivilen inländischen Beschäftigten laut der Ameco-Datenbank der EU-Kommission (Stand: Mai 2015) im Jahresdurchschnitt.

Abbildung 1: „Staatsausgaben“ in Griechenland gemäß Phelps in Mio. Euro und zivile Beschäftigte in 1000

Staatsausgaben PhelpsDer von Phelps behauptete Verlauf lässt sich ungefähr reproduzieren: Nach einem Anstieg der Zahl der Beschäftigten auf etwas mehr als 4,5 Millionen im Jahr 2008, geht sie ab 2009 leicht und dann dramatisch bis 2012 auf unter 3,8 Millionen zurück. Abbildung 1 versucht auch die von Phelps behauptete Entwicklung der „Staatsausgaben“ zu rekonstruieren. Sie steigen bis 2010 auf 13,5 Mrd. Euro und verharren dann bis 2012 auf diesem Plateau. Ab dem Jahr 2013 beginnt dann der rasante Absturz, bis im ersten Quartal 2015 der von Phelps (in einer späteren Textpassage) für dieses Quartal angenommene Wert von nur noch 9,6 Mrd. Euro erreicht wird. Wenn dies den Tatsachen entspräche, dann hätte der Sparkurs tatsächlich viel zu spät eingesetzt, um als Erklärung für den schon 2009 einsetzenden Abbau der Beschäftigung dienen zu können.

Staatskonsum und Staatsausgaben sind nicht das Gleiche

Doch was versteht Phelps unter „Staatsausgaben“? Die aus der Volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) bekannten Staatsausgaben können es nicht sein, denn die betrugen im Jahr 2014 laut Ameco immerhin 88,4 Mrd. Euro. Selbst künstlich auf Quartale aufgeteilt, um der von Phelps offenbar gewählten Quartalsdarstellung gerecht zu werden, ergäben sich 22,1 Mrd. Euro, mehr als doppelt so viel wie der von Phelps mit knapp 10 Mrd. Euro angegebene Wert.

Die Wahl der Quartalsdaten deutet darauf hin, dass Phelps in Wirklichkeit nicht die gesamten Staatsausgaben, sondern lediglich den Staatskonsum, also die staatlichen Käufe von Gütern und Dienstleistungen zugrunde gelegt hat, für die üblicherweise Quartalsdaten ausgewiesen werden. Und in der Tat: Eurostat weist für den nicht saison- und arbeitstäglich bereinigten realen Staatskonsum (Referenzjahr 2010) im ersten Quartal 2015 genau den von Phelps angeführten Wert von 9,6 Mrd. Euro für Griechenland aus.

Die Wahl des Staatskonsums, der weniger als die Hälfte der gesamten Staatsausgaben ausmacht, schränkt die Aussagekraft von Phelps Analyse jedoch bereits erheblich ein. Nicht enthalten sind im Staatskonsum die staatlichen Investitionen, die Subventionen und ganz wesentlich: die monetären Sozialleistungen, d.h. z.B. Arbeitslosengeld und Renten. Mit seinen Daten kann Phelps also gar nicht belegen, dass die Staatsausgaben in Griechenland erst nach 2012 stark gekürzt wurden. Schließlich könnten starke Kürzungen bei den nicht im Staatskonsum enthaltenen Ausgaben schon viel früher eingesetzt haben. Selbst wenn sie es nicht hätten, könnten auch starke Steuer- und Abgabenerhöhungen einen Nachfrageeinbruch ausgelöst haben.

Die Analyse von Phelps ist ganz einfach falsch

Aber selbst wenn Phelps Analyse nur für den Staatskonsum gälte (eine Erwähnung wäre hilfreich gewesen!), wäre sie geeignet, die gängige Krisenerklärung zu erschüttern: Wenn fast die Hälfte der Staatsausgaben bis 2012 gar keinen realen Kürzungen unterlag, war der Grad der Austerität möglicherweise viel geringer als bislang angenommen. Dies würde außerdem mit den gängigen Vorurteilen korrespondieren: Die Griechen haben ihren Staatskonsum, vulgo ihren „ineffizienten aufgeblähten“ öffentlichen Beschäftigungssektor lange Zeit überhaupt nicht angetastet und damit möglicherweise die „notwendigen Reformen viel zu lange hinausgezögert“.

Abbildung 2: Realer Staatskonsum, quartalsweise und im Jahresdurchschnitt sowie „Staatsausgaben“ gemäß Phelps in Mio. Euro

Realer Staatskonsum

Das Problem dabei ist allerdings, dass Phelps Analyse ganz einfach falsch ist: Seine Darstellung der Entwicklung des Staatskonsums, wie sie in Abbildung 1 reproduziert wurde, basiert schlicht und ergreifend auf falschen Daten! Abbildung 2 zeigt daher die tatsächlichen und jahresdurchschnittlichen Daten für den realen nicht saison- und arbeitstäglich bereinigten Staatskonsum und stellt sie den rekonstruierten Werten aus Abbildung 1, die Phelps in seinem Kommentar behauptet hatte, gegenüber. Es zeigt sich: Der reale Staatskonsum erleidet bereits im Jahr 2008 einen leichten Einbruch, erholt sich 2009 wieder, um dann 2010 – und damit etwa 3 Jahre früher als von Phelps behauptet – in den Sinkflug überzugehen.

Die Korrelation zwischen Staatskonsum und Beschäftigung ist eindeutig

Ca. 3 Jahre früher setzten aber bekanntlich auch die schwere Krise in Griechenland und der Absturz der Beschäftigtenzahlen ein. Abbildung 3 zeigt denn auch, dass zwischen der Entwicklung des tatsächlichen realen Staatskonsums und der Beschäftigungsentwicklung eine extrem hohe Korrelation besteht. Von 2010 bis 2013 verläuft der Absturz der Beschäftigung parallel zu den Kürzungen des Staatskonsums – wenn man letzteren denn nur korrekt widergibt.

Abbildung 3: Realer Staatskonsum, quartalsweise und im Jahresdurchschnitt in Mio Euro sowie zivile Beschäftigte in 1000

Realer Staatskonsum u Beschäftigung

Fazit: Edmund Phelps ist schlicht im Irrtum, weil er einen kapitalen Datenfehler begangen hat oder zumindest einem solchen aufgesessen ist. Die Geschichte der Austeritätspolitik und ihrer Wirkungen in Griechenland muss nicht neu gedeutet oder gar geschrieben werden.

Dieser Beitrag erschien am 23.9.2015 in ähnlicher Fassung und in englischer Sprache auch auf www.socialeurope.eu