Digitale Arbeit organisieren: Amazon Mechanical Turk und die Gestaltung digitaler Arbeitswelten

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Markus Ellmer, 19. November 2015

Ellmer_FotoAmazon Mechanical Turk (AMT) ist eine der weltweit größten Online-Vermittlungsplattformen für die digitale Arbeit. Das Design von AMT bedingt wesentliche Informations- und Machtungleichgewichte zulasten der dort Beschäftigten. Mit Turkopticon, einem simplen Web-Tool, nehmen digitale ArbeiterInnen kollektiv Einfluss auf die Plattformfunktionen. Damit zeigt Turkopticon Andockstellen für Interessensvertretungen in einer Arbeitswelt auf, in der sich interessenspolitisch bedeutsame Demarkationslinien von Erwerbsarbeit zusehends relativieren.

 Amazon Mechanical Turk

Amazon Mechanical Turk (AMT) ist eine der weltweit größten Online-Vermittlungsplattformen für digitale Arbeit, auf der AuftraggeberInnen (RequesterInnen) sog. Human Intelligence Tasks (HITs) erstellen, editieren und veröffentlichen können. Diese HITs werden dann von digitalen ArbeiterInnen (TurkerInnen) ausgewählt und zu vordefinierten Entschädigungen innerhalb eines vorgegeben Zeitrahmens auf Stücklohnbasis bearbeitet. Typische Beispiele für HITs sind etwa Transkriptionen, Bewertungen (z.B. von Suchergebnissen), das Kategorisieren von Fotos oder das Abtippen bestimmter Informationen von Kassenbelegen. Oft werden dabei hunderte TurkerInnen parallel von einem/r RequesterIn für jeweils nur wenige Stunden beschäftigt.

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Abb. 1: Screenshot der Plattform Amazon Mechanical Turk

Die Plattform ging 2005 online und hat seitdem beträchtliche Dimensionen angenommen. Laut Angaben von Amazon sind derzeit ca. 500.000 ArbeiterInnen aus 190 Ländern registriert. Die geographische Lage der Beschäftigten konzentriert sich laut aktuellen Zahlen hauptsächlich in den USA (ca. 75-80%) und in Indien (ca. 10-15%), was vorwiegend auf das Bezahlsystem der Plattform zurückzuführen ist: Nur US- und indische TurkerInnen werden in der jeweiligen Landeswährung entschädigt. TurkerInnen aus anderen Ländern erhalten lediglich Gutscheine für den Amazon Online-Shop.

Das Infrastrukturdesign von AMT und Problemfelder für digitale ArbeiterInnen

AMT stellt RequesterInnen und TurkerInnen eine digitale Infrastruktur zu Verfügung, in der Arbeitsaufgaben erstellt und Arbeitsprozesse abgebildet bzw. koordiniert werden können. Sie besteht aus dem Interface- und Interactiondesign sowie dem damit verbundenen Regelwerk (Allgemeine Geschäftsbedingungen bzw. auf AMT: ‚Participation Agreement’). Die akteursspezifische Konfiguration dieser einzelnen Elemente – wem also am Ende welche Funktionen, Informationen und Rechte zur Verfügung stehen und wer diese wie nutzen kann – fördert wesentliche Macht- und Informationsasymmetrien zulasten der digitalen ArbeiterInnen zutage.

So wird das HIT-Design ausschließlich von den RequesterInnen kontrolliert. Die Form der HITs erinnert dabei stark an (früh)industrielle Modi der Arbeitsteilung; dementsprechend fällt oft auch die Qualität der Arbeitsbedingungen aus. Besonders hervorstechend: Für erledigte und eingereichte HITs besteht für TurkerInnen keine Garantie auf Entschädigung. RequesterInnen können die Bezahlung für in Auftrag gegebene HITs ohne Angabe von Gründen und ohne Konsequenzen ablehnen (‚Rejection’), obwohl sie die Ergebnisse erhalten und weiterverwenden können. Wie oft HITs von RequesterInnen abgelehnt werden, wird auf AMT nirgendwo öffentlich sichtbar aufgezeichnet. Außerdem besteht auf der Plattform (im Gegensatz zum Amazon Online-Shop) keine Möglichkeit, RequesterInnen hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit zu bewerten.

Überhaupt existieren für die TurkerInnen innerhalb des AMT-Systems keinerlei Instrumente, diese und andere Problemfelder zumindest zu beschränken. Für die Einhaltung des Participation Agreements wird vonseiten AMT nichts unternommen. Lediglich besteht die Möglichkeit, RequesterInnen über die Plattform zu kontaktieren, wobei keine Verpflichtung besteht, auf Anfragen zu antworten. In Bezug auf arbeitsethische Fragen stellt dabei generell die Unsichtbarkeit der digitalen ArbeiterInnen und die Abstraktion ihrer Arbeitskraft eine große Problematik dar, weil die Auswirkungen schlechter Arbeitsbedingungen für RequesterInnen nicht sicht- bzw. spürbar werden. Zudem erschwert diese Unsichtbarkeit die Organisierung von TurkerInnen-Interessen massiv. TurkerInnen können daher von sich aus nur sehr wenig für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen tun.

Turkopticon: TurkerInnen sichtbar machen

Turkopticon, ein frei downloadbares Programm, das die Funktion von Web-Browsern erweitert, ermöglicht TurkerInnen, ihre RequesterInnen (ex post) zu bewerten. Die aggregierten Bewertungen werden direkt in das Interface von AMT eingeschrieben und können per Mauszeigerberührung abgerufen werden (siehe Abb. 2). Einerseits stellt diese Funktion einen großen Transparenzgewinn für TurkerInnen in Bezug auf ihre Arbeit dar und macht sie innerhalb des Systems sichtbarer. Andererseits sollen die Praktiken von RequesterInnen durch einen indizierten ‚panoptischen Effekt’ in eine für TurkerInnen positive Richtung gelenkt werden.

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Abb. 2: Turkopticon erweitert das Interface von Amazon Mechanical Turk

Digitale, transnationale Arbeitsräume und ihre Herausforderungen

Die Plattform AMT und ihr Design sind als vergleichsweise extreme Beispiele v.a. deshalb interessant, weil sie die hohe Komplexität transnationaler, digitaler Arbeitsräume verdeutlichen. Diese Transnationalität wirft zunächst arbeitsrechtliche Fragen auf: Im Participation Agreement gelten TurkerInnen explizit „as an independent contractor and not as an employee of the Requester“. Solche Arbeitsverhältnisse sind charakteristisch für Plattform-Geschäftsmodelle, bei denen das Prinzip der Online-Vermittlung als Instrument verwendet wird, Arbeit formal in die (Schein-)Selbstständigkeit zu entlassen und damit aus sozialen Sicherungsnetzen zu entbetten. Dieses Phänomen ist derzeit auch bei Online-vermittelten Dienstleistungen der sogenannten ‚Sharing Economy’ beobachtbar. Hier plädieren verschiedene AutorInnen für eine Einstufung digitaler ArbeiterInnen als ArbeitnehmerInnen nach jeweils nationalem Arbeitsrecht (siehe dazu auch hier).

Die Transnationalität beinhaltet auch eine ökonomische Dimension. Im Marktmechanismus von AMT beobachtet man eine bemerkenswerte Verdichtung von international hoch-differenten, sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, Realitäten und Arbeitsmotiven, die zwischen den digitalen ArbeiterInnen auftreten. Digitale Wertschöpfungsketten können dadurch über sozialräumliche Disparitäten hinweg aufgespannt und die entstehenden Kostenvorteile flexibel ausgenutzt werden. Zugleich relativiert diese Verdichtung Fragen der Fairness und Gerechtigkeit in transnationalen, digitalen Arbeitsräumen: Die selbe Entschädigungshöhe pro HIT hat für Menschen in Schwellen- und Industrieländern eine wesentlich unterschiedliche Relevanz. Am Ende stellt sich daher die Frage: Was ist in diesen Arbeitswelten eine allgemein ‚faire’ Entschädigungshöhe, wenn indische TurkerInnen ihr Haushaltseinkommen (zu vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen!) erwirtschaften können, US-amerikanische TurkerInnen aber in der Regel weit unter den nationalen Entlohnungsstandards arbeiten?

Was mit dieser transnationalen Verdichtung außerdem einhergeht, ist eine Auflösung bisheriger Demarkationslinien in der Arbeitswelt, die v.a. interessenspolitisch von Bedeutung sind: Handelt es sich bei Crowdworkern um ArbeitnehmerInnen oder Selbstständige? Wenn eine Person mit 40-Stunden-Job in der ‚realen Welt‘ 1-2 Stunden pro Woche aus ‚Spaß’ auf AMT für Amazon-Gutscheine arbeitet, eine andere Person aber von der Arbeit auf AMT abhängig ist, wo ist die Grenze zwischen (abhängiger) Erwerbsarbeit und Nicht-Arbeit/Freizeit zu verorten? Und wenn einzelne CrowdworkerInnen Jobs annehmen, welche sie auf der Plattform re-posten, um sie von anderen für eine niedrigere Entschädigung bearbeiten zu lassen, wo zieht man die Grenze zwischen AuftraggeberIn und AuftragnehmerIn – oder zugespitzt: Zwischen ‚Arbeit und Kapital’?

Digitale Arbeit organisieren: Andockstellen für Interessensvertretungen

Trotz dieser hohen Komplexität zeigt das Beispiel AMT, dass digitale Arbeitswelten potentielle Andockstellen für Interessensvertretungen bieten. Turkopticon ist, neben anderen Foren und Tools (Liste), eines der besten Beispiele dafür, weil es eine digitale Community repräsentiert, die sich mit ihren Bewertungen solidarisch für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt. Und zwar nicht auf Basis eines universellen Zugehörigkeitsmusters, wie etwa einem Idealtyp ‚digitale/r ArbeiterIn’, sondern auf Basis des gleichen Risikos unter allen TurkerInnen, unfair behandelt zu werden. Etwas anderes würde aufgrund der hohen Unterschiede zwischen den TurkerInnen auch wenig Sinn machen. Ähnliche Initiativen sind Dynamo, die sich in Form von Kampagnen für Veränderungen auf AMT einsetzt oder die Plattform faircrowdwork.org der deutschen Gewerkschaft IG Metall, die CrowdworkerInnen dazu auffordert, digitale Arbeitsplattformen zu bewerten und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von ExpertInnen checken lässt.

Neben AMT existieren mittlerweile eine Reihe an vergleichbaren Plattformen im Netz, die digitale Arbeitswelten zunehmend auch auf europäischen Bildschirmen aufflackern lassen (etwa diese). Daher gilt es künftig auch für europäische Interessensorganisationen, digitale Arbeitswelten aktiv mitzugestalten. Auch wenn Initiativen und Tools wie Turkupticon die substantiellen Asymmetrien der digitalen Ökonomie nicht beseitigen, zeigen sie dennoch, wie ein solches Mitgestalten aussehen kann.

Für alle, die dieses Thema aus wissenschaftlicher Perspektive interessiert, ist eine detaillierte Darstellung dieser Ausführungen in meinem Artikel „The Digital Divison of Labor: Socially Constructed Design Patterns of Amazon Mechanical Turk and the Governing of Human Computation Labor“ im Momentum Quarterly nachzulesen.

Weiter führende Literatur:

Bauer, R./Gegenhuber, T. (2015): Crowdsourcing – Global Search and Twisted Roles of Consumers and Producers. Organization – Special Issue: Organizations and their Consumers 22(5), 661-681.

Benner, C. (Hrsg.): Crowdwork – zurück in die Zukunft? Perspektiven digitaler Arbeit. Frankfurt/M.: Bund Verlag, 289-302.

Irani, L./Silberman, M. S. (2013): Turkopticon: Interrupting Worker Invisibility in Amazon Mechanical Turk. Paper presented at CHI 2013 Changing Perspectives, 611-620.

Risak, M. (2015): Crowdwork – eine erste rechtliche Annäherung an eine „neue“ Arbeitsform. ZAS, 2015(11), 11-19.