„Digital divide“ entzweit „digital natives“ 

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Andreas Kastner, 20. Oktober 2016

andikastnerDie sogenannten „digital natives“ wachsen in einer digitalisierten Lebenswelt auf. Völlig selbstverständlich wird über das Internet und soziale Medien kommuniziert, das Smartphone ist der ständige Begleiter in allen Lebenslagen, der Onlineauftritt mindestens ebenso bedeutsam wie das persönliche Auftreten. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar: nicht alle „digital natives“ sind vorne mit dabei, wenn es darum geht, ihre digitale Lebenswelt mitzugestalten. 

Das Smartphone wird zum Standard

Die Abdeckung der Jugendlichen in Österreich mit Smartphones ist überraschend hoch. Laut Statistik Austria gehen 95% der 16- bis 24-Jährigen mit dem Smartphone online. Zu ähnlichen Ergebnisse kommt die aktuelle Studie des Instituts für Jugendkulturforschung im Auftrag der Arbeiterkammer Wien. Der Laptop spielt dagegen nur im Leben von SchülerInnen in maturaführenden Schulen eine große Rolle (71%). In der Gruppe der „bildungsferneren“ Jugendlichen verfügt nur knapp die Hälfte über einen Laptop im Haushalt. Dabei haben die „digital natives“ hohes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse im Umgang mit Computer und Internet. Acht von zehn Jugendlichen geben an, sich „gut“ (56%) und „sehr gut“ (26%) auszukennen. Das Geschlecht, der Ausbildungsweg und auch der Migrationshintergrund scheint dabei keine Rolle zu spielen. Auf dem ersten Klick scheint also alles in Ordnung.

Ein neuer „digital divide„?

Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Bild der umfassend kompetenten „digital natives“ als Mythos. Innerhalb der Gruppe der „digital natives“ ist die Lebenswelt zwar weitgehend digitalisiert, bei der Art der Nutzung und der Gestaltung dieser Lebenswelt zeigen sich aber große Unterschiede. Oder wie die New York Times bereits 2012 treffend formulierte: „Die Zeitverschwendung im Internet ist die neue digitale Spaltung“. Anders ausgedrückt: Nutze ich die neuen digitalen Möglichkeiten aktiv und erweitere meine Möglichkeiten mich auszudrücken, oder konsumiere ich passiv, was andere gestalten? Diese unterschiedliche Nutzung der digitalen Möglichkeiten zeigt sich in vielen Studien und auch in jener unter Wiener Jugendlichen zb. beim Einsatz digitaler Mittel für die Schule und Ausbildung. Je höher der Bildungsabschluss, desto eher werden Lernsoftware, online-Recherche etc. genutzt. Gleichzeitig zeigen sich in allen Teilen der „digital natives“ große Lücken bei der Informationsbewertung und der kritischen Auseinandersetzung mit den Anbietern und Inhalten von Online-Quellen.charts_digitale_kompetenzen

Der „digital divide“ in der Schule

Die Entwicklung der digitalen Kompetenzen braucht häufige Lerngelegenheiten und kompetente Vorbilder. Dabei fallen die meisten Eltern als „digital immigrants“ meist (noch) aus. Damit würde der Schule eine wichtige Rolle zur Vermittlung digitaler Grundkompetenzen zukommen. Aus Sicht der Wiener Jugendlichen hätte sie dafür auch die besten Voraussetzungen, da den LehrerInnen durchaus hohe Kompetenzen zugetraut werden.eltern-lehrer

Gleichzeitig zeigt sich ein ernüchterndes Bild bei der Nutzung von Internet und Computer im Unterricht. Ganz nach dem Matthäus-Prinzip, arbeiten jene mehr mit dem Computer, die ohnehin schon höhere Kompetenzen ausweisen. Ebenso nützen vor allem maturaführende Schulen häufiger die wertvolle Methode des „Bring your own Devices“ bei der Jugendliche ihre Smartphones mit pädagogischer Unterstützung als Lern- und Arbeitsmittel einzusetzen lernen. Die Spaltung vertieft sich.

Wer trägt die Kosten

In der medialen Diskussion rücken die Kosten für die digitale Bildung immer stärker in den Fokus. In der aktuellen Schulkosten-Studie der Arbeiterkammer zeigt sich eine hohe Belastung durch den Ankauf von Hardware, sowie durch zusätzliche Lernsoftware und digitalen Lernmaterialien an höhere Schulen. Besonders die Anschaffung teurer Spezialgeräte für graphische oder technische Schulen ist für viele Erziehungsberechtigte nur schwer oder gar nicht finanzierbar.

Den „digital divide“ schließen

Viele Staaten haben die Notwendigkeit umfassender digitaler Bildung erkannt, darunter Deutschland und die USA. Auch in Österreich braucht es eine Auseinandersetzung über einen gerechten Zugang zur digitalen Bildung. Viele Grundlagen dafür, wie Kompetenzmodelle und Leuchtturmprojekte wurden bereits umgesetzt. Damit die digitale Spaltung verhindert werden kann, braucht es aber ambitionierte, flächendeckende Maßnahmen:

  • Eine Umsetzungsstrategie für das digitale Kompetenzmodell auf allen Bildungsstufen. Kein Kind soll die Pflichtschule ohne Grundkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen, Englisch und eben auch digitale Kompetenzen) verlassen, da sie die Voraussetzung für weiterführende digitale Kompetenzen und lebensbegleitende Bildung sind.
  • Weiterbildung für alle Lehrkräfte zu den Inhalten, Methoden und Möglichkeiten des digitalen Lernens und Lehrens. Bereitstellung von E-Services und Hardware für Lehrkräfte für vernetztes und digitales Unterrichten, wenn diese noch nicht vorhanden sind.
  • Ausstattung aller Schulen mit leistungsfähiger IT-Infrastruktur (zB WLAN) sowie Tablet-Klassensets zur Erprobung digitaler Lernmethoden, angelehnt an das Mobile-learning-Projekt. Zusätzlich braucht es sozial verträgliche Finanzierungsmodelle für Tablet- und Laptopklassen (zum Beispiel über die Schulbuchaktion oder die SchülerInnenbeihilfe).
  • Verstärkter didaktisch angeleiteter Einsatz von Smartphones im Unterricht (Bring your own device – BYOD ). Dazu bräuchte es die Forcierung des projektorientierten und explorativen Unterrichts zur Stärkung der sozialen und kooperativen Kompetenzen unter Einbeziehung digitaler Hilfsmittel „collaboration tools“ sowie Gamification und spielerischem Lernen im Unterricht.
  • Schaffung einer Finanzierungsbasis für qualitätsvolle freie Bildungsressourcen (OER) im Rahmen der Schulbuchaktion. Bereitstellung eines umfassenden, qualitätsgesicherten Pools an freien und veränderbaren Bildungsressourcen für Lehrkräfte und SchülerInnen.
  • Evaluation und Überarbeitung der Ausbildungsvorschriften und der Ausbildungspläne in der dualen Ausbildung sowie der Lehrpläne der Berufsschulen in Hinblick auf die erforderlichen digitalen Kompetenzen. Dafür ist die zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen und der Lehrbetriebe eine Voraussetzung.

Und zu guter Letzt ein wichtiger Punkt, der als Ergebnis der laufenden Digitalisierung von Bildung immer bedeutsamer werden wird:

  • Klare Vorgaben für die Nutzung von schülerInnen- und lehrerInnenbezogenen Daten für Partner von Bildungseinrichtungen und Zurverfügungstellung von Vertragsschablonen und Datenschutzvereinbarungen mit den Erziehungsberechtigten und Personalvertretungen.