Der Mythos der Wettbewerbsfähigkeit und seine Widersprüchlichkeiten

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Florian Schall, 5.September 2013

flo schallIm wirtschaftspolitischen Diskurs in Österreich ist immer wieder von „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ die Rede, welche um jeden Preis zu halten bzw. zu verbessern sei. So waren zuletzt Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl und Finanzministerin Maria Fekter mit der Aussage, Österreich sei in internationalen Wettbewerbsrankings „abgesandelt“ und die Arbeitskosten sollten gesenkt werden um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten in den Medien. Der  allgemeine Tenor reduziert das Thema auf die Kernaussage: je schlechter die Lohnentwicklung und je niedriger die Steuerleistung, desto höher die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Der folgende Beitrag soll zeigen, dass die Ausführungen der DiskursprotagonistInnen über internationale Wettbewerbsfähigkeit, jeglicher seriösen Grundlage entbehren.

Sinn und Unsinn quantitativer Wettbewerbsindikatoren

Zum internationalen Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit werden von wirtschaftspolitischen Handlungsakteuren wie OECD oder IWF häufig quantitative Wettbewerbsindikatoren verwendet. Quantitativ deshalb, weil sie ausschließlich auf Kosten bzw. Preise abstellen und demgemäß im Grunde reine preisliche Wettbewerbsindikatoren sind. Dabei ist die Sinnhaftigkeit preislicher Wettbewerbsindikatoren höchst zweifelhaft; selbst IWF-Autoren methodischer Arbeiten zum Thema betonen, dass preislichen Wettbewerbsindikatoren aufgrund von „konzeptuellen Mehrdeutigkeiten und ökonometrischen Einschränkungen“ kein universeller Erklärungsanspruch eingeräumt werden darf.

Diese Einschränkungen äußern sich am deutlichsten in der Überbetonung der Rolle von Lohnkosten: Sämtliche preisliche Wettbewerbsindikatoren beziehen sich, neben diversen Wechselkurskonstrukten, auf relative Lohnstückkosten. Das bedeutet, dass sie einen negativen Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Lohnstückkosten vermitteln. Dabei wurde vonseiten der OECD bereits 1987 festgestellt, dass die Fokussierung auf Lohnstückkosten nur aufgrund der Datenverfügbarkeit erfolgt.

Empirische Evidenz zeigt das Gegenteil

Empirisch ist zudem klar, dass eine Reduktion der Lohnstückkosten in keinem Zusammenhang mit einer Steigerung der Produktion bzw. der Exporte steht. Im Gegenteil, mit den Lohnstückkosten steigt oft die Wirtschaftsleistung; eine Einsicht, die bereits seit 1978 als Kaldor-Paradoxon bekannt ist.

In Europa ist dieses Phänomen in jüngster Zeit als Spanisches Paradoxon wiederentdeckt worden: In Spanien kam es im vergangenen Jahrzehnt zu einer im EU-Vergleich überproportionalen Steigerung der Lohnstückkosten und infolgedessen zu einer Steigerung der Exportpreise. Diese Entwicklung führte aber nicht zu einer Reduktion der Exporte: Für Länder deren preisliche Wettbewerbsfähigkeit stieg ließ sich sogar ein stärkerer Rückgang ihrer Anteile am weltweiten Exportvolumen beobachten.

Erklären lässt sich dieser Zusammenhang damit, dass weniger die Preisentwicklung der exportierten Gütergruppen von Bedeutung sind, als vielmehr die Entwicklung der internationalen Nachfrage. Hochentwickelte Volkswirtschaften exportieren zum Großteil hochspezialisierte Güter, die schwer substituierbar sind und deren Nachfrage relativ unabhängig von der Preisentwicklung ist. Für hochentwickelte Ökonomien handelt es sich bei den beobachteten Zusammenhängen also keineswegs um ein Paradoxon – der Zusammenhang ergibt sich vielmehr aus prinzipiellen nachfrageorientierten Überlegungen.

Hohe Löhne – hohe Wettbewerbsfähigkeit: alles andere als ein Widerspruch

Die Wertschöpfung setzt sich zusammen aus Löhnen, Abschreibungen und Gewinnen. Wertschöpfungskomponenten sind gleichzeitig auch Kostenkomponenten, das heißt, dass sie ebenso als Lohnkosten, Kapitalkosten und Gewinnkosten zu interpretieren sind. Wie bereits erwähnt, ist für die Kostenkomponente Lohnkosten die Datenlage um ein vielfaches besser als bei den anderen beiden Kostenkomponenten. Daraus ergibt sich auch die systematische Überbetonung der Lohnstückkosten. Rein konzeptuell ist aber offensichtlich, dass preisliche Wettbewerbsfähigkeit genauso gut  anhand von Gewinnstückkosten untersucht werden kann.

Daher läuft das Zusammenspiel zwischen Lohnstückkosten und Wettbewerbsfähigkeit in doppelter Hinsicht in die andere Richtung, als von den „HüterInnen der Wettbewerbsfähigkeit“ postuliert: hohe Lohnstückkosten sind ein Zeichen hoher Wertschöpfung, diese wiederum ist eine unmittelbare Folge von hoher Produktivität und damit hoher Wettbewerbsfähigkeit.

Die Verwirrung und Hilflosigkeit der Wettbewerbsfähigkeits-FanatikerInnen ist für fortschrittliche ÖkonomInnen nicht überraschend: Nobelpreisträger Paul Krugman hielt bereits vor mehr als einem Jahrzehnt fest, es mangle auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaftsbeziehungen nicht „an verworrenen Vorstellungen, die einer sorgfältigen wirtschaftswissenschaftlichen Analyse nicht standhalten“ (Krugman/Obstfeld 2000). Insbesondere für das Konzept der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ hatte er Recht: Es fällt nicht schwer, inhaltliche Widersprüche und konzeptuelle Schwächen der gängigen Wettbewerbslogik aufzuzeigen. Die fehlgeleitete Idee der Wettbewerbsfähigkeit hält einer empirischen Überprüfung nicht stand – umso wichtiger ist es, dass die dahinterliegenden Wunschvorstellungen zu Lohnreduktion nicht Eingang in die Politik finden.