Das Zeitalter des Prekariates

Julia Hofmann, 3. Dezember 2015

Hofmann_foto_NEUModerne Arbeitsverhältnisse lassen sich im 21. Jahrhundert durch eine Zunahme an sozialer Unsicherheit und prekären Beschäftigungsverhältnissen charakterisieren. Dass daraus auch eine neue soziale Klasse, jene des Prekariates, entstanden ist und welche Auswirkungen diese neue globale Klassenstruktur auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, zeigt Guy Standing, Professor für Entwicklungsstudien, in seinen – unlängst in Österreich vorgestellten – Büchern.

Ende Oktober gastierte Guy Standing in Wien und Linz. Der Professor für Entwicklungsstudien an der SOAS (School of Oriental and African Studies) in London ist Mitgründer des weltweit aktiven Basic Income Networks und ausgezeichneter Experte im Bereich der Arbeits- und Sozialstaatsforschung. Standing war knapp 30 Jahre als Forscher und Direktor in der ILO tätig und beschäftigte sich dort u.a. mit Fragen der sozialen Sicherheit und den Standards guter Arbeit. Er ist international bekannt geworden durch sein 2011 veröffentlichtes Buch „Precariat. The New Dangerous Class“ (2015 auf Deutsch erschienen). Das Buch wurde in 15 Sprachen übersetzt. In Anschluss an die sozialen Unruhen in London wurde es sogar als Basis für ein Theaterstück herangezogen. Dieses Jahr veröffentlichte Standing eine Anschlusspublikation mit dem Titel „A Precariat Charta. From denizens to citizens“, in der er seine Visionen zur Durchsetzung einer gerechten Gesellschaft darlegt. Die politische Grundthese beider Bücher – das machte Standing auch in seinen beiden Vorträgen in Österreich deutlich – ist, dass eine neue Form progressiver Politik in Zeiten wachsender Ungleichheit und Unsicherheit nötig ist und dass es hierfür auch neue politische Akteure und Konzepte braucht.

Zu Beginn der – eng an seinen beiden Büchern angelehnten – Vorträge zeigte Standing, wie durch Prozesse der Globalisierung und des technologischen Fortschrittes seit den 1980er Jahren nicht nur die soziale Ungleichheit angestiegen ist und sich das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital zu Gunsten von letzterem entwickelt hat. Es ist, laut Standing, auch eine neue soziale Klasse, jene des Prekariates, entstanden, deren Existenz gravierende Folgen für den sozialen Zusammenhalt hat. Die Globalisierung und der Neoliberalismus hätten eine neue, globale Klassenstruktur mit sich gebracht, die aus sechs verschiedenen Gruppen bestehe:

  1.  der Elite (die obersten 1%)
  2. dem „Salariat“ (vorwiegend sozial gut abgesicherte, vollzeitbeschäftigte Angestellte)
  3. den „Professionellen“ (meist selbständig Arbeitende und gut Verdienende, denen aber weniger sozialen Sicherheiten zur Verfügung stehen)
  4. der alten „ArbeiterInnenklasse“ (also das Proletariat, die manuell Arbeitenden)
  5. dem „Prekariat“
  6. dem „Lumpenprekariat“ (z.B. Arbeitslose, BettlerInnen)

Das Prekariat stellt für Standing also nicht die „Unterschicht“ dar, es ist aber trotzdem mit zahlreichen sozialen Unsicherheiten konfrontiert und am unteren Ende der sozialen Leiter angesiedelt. Standing verwendet in diesem Zusammenhang bewusst den Begriff des Prekariates, um ihn jenem des Proletariates entgegenzustellen. Das Prekariat habe im Gegensatz zum Proletariat keinen Zugang mehr zu den Rechten der sogenannten „industriellen BürgerInnenschaft“, das heißt z.B. zu Beschäftigungssicherheit. Damit einher gehen eine nicht vorhandene Beschäftigungsidentität („Ich bin ArbeiterIn und stolz drauf“) sowie eine „prekarisierte Psyche“, die mitunter zu Überforderung und Burnout führen kann. Gleichzeitig hat das Prekariat im Gegensatz zum Proletariat weniger Zugang zu staatlichen Unterstützungsleistungen und lebt in permanenter Angst vor Verschuldung. Durch Workfare-Politiken werden Prekäre oft auch in sogenannten „Prekarisierungsspiralen“ gehalten, in denen sich Zeiten der Arbeitslosigkeit und der oft schlecht bezahlten Kurzzeitjobs abwechseln.

Wie Standing in seinen Vorträgen ausführte, ist das Prekariat (neben dem Lumpenprekariat) seit langem die erste soziale Klasse, die ihre BürgerInnenrechte wieder systematisch verliert. Darauf reagieren Personen im Prekariat entweder mit Gefühlen der Anomie und Apathie, mit Angst oder mit Wut. Wut stellt für Standing die „positivste Reaktion“ dar, da sie einen politischen Änderungswillen mit sich bringt.

Eine Formierung von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ und damit eine politische Subjektwerdung des Prekariates – ähnlich derjenigen des Proletariates Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts –, hält Standing allerdings für sehr schwierig. Das Prekariat bestehe nämlich aus drei höchst unterschiedlichen sozialen Gruppen, die einander teilweise antagonistisch gegenüberstehen:

  1. aus Teilen der ArbeiterInnenklasse, die jetzt prekär beschäftigt sind und ihren „Klassenstolz“ verloren haben
  2. aus MigrantInnen, die Diskriminierungserfahrungen durchgemacht haben und sich als BürgerInnen zweiter Klasse fühlen
  3. aus jungen, gut ausgebildeten Menschen, die arbeitslos oder prekär beschäftigt sind und „mehr vom Leben“ erwartet hätten

Trotz seiner großen Heterogenität ist das Prekariat für Standing eine, politisch und gesellschaftlich betrachtet, „gefährliche“ Klasse, da es etablierte Parteien größtenteils ablehnt und/oder sich völlig aus politischen Prozessen zurückzieht. Es kann jedoch jederzeit „explodieren“, wie die vielen Unruhen in den Städten Europas bereits gezeigt haben. Im besten Fall, so Standing, etablieren Teile des Prekariates – meist die Jungen – neue Formen des kollektiven Handelns. Dies sei in der Krise etwa in Südeuropa durch die Krisenprotestbewegungen oder die Formierung neuer Parteien (wie Podemos oder Syriza) geschehen. Aber auch die Wiederaneignung der britischen Labour Partei unter Jeremy Corbyn vor allem durch junge Menschen gebe Grund zur Hoffnung. Ziel müsse es sein, dass die Personen im Prekariat von „bloßen BewohnerInnen eines Staates“ (denizens) wieder zu „richtigen StaatsbürgerInnen“ (citizens) werden.