Das Sparparadoxon

Sepp Zuckerstätter, 1. August 2014

Sepp Zuckerstätter

Wenn Ökonomie einen sinnvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten kann, dann besteht er darin, auf Zusammenhänge hinzuweisen, die nicht immer offensichtlich sind. Etwa auf die Tatsache, dass alles, was jemand sparen will, die Schulden eines anderen sein müssen. Gesamtwirtschaftlich sind es die privaten Haushalte, die sparen, und idealerweise die Unternehmen, die investieren und sich somit verschulden. Wenn Unternehmen allerdings aktuell mit den Ersparnissen der privaten Haushalte nichts mehr unternehmen, sondern selbst Ersparnisse bilden, zieht das in aller Regel Krisen nach sich, oder ist zumindest Ausdruck einer anhaltenden Krise.
Das nicht alle gleichzeitig sparen können, ist per se noch kein Paradoxon. Das Sparparadoxon beginnt erst, wenn alle Sektoren gleichzeitig sparen wollen. Dann nämlich wird durch Sparen niemand reicher, sondern alle ärmer.

In der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung wird dargestellt, welche der fünf großen Sektoren – Haushalte, Finanzsektor, Unternehmenssektor, Staat und Ausland – finanzielle Überschüsse machen und welche Sektoren diese angebotenen Mittel verwenden, um damit realwirtschaftliche Aktivitäten – wie öffentlich Leistungen oder Investitionen – zu finanzieren.

Folgende Grafik zeigt für die Jahre ab 1996, welche Sektoren im jeweiligen Jahr Finanzüberschüsse (vulgo Ersparnisse) und welche finanziellen Defizite (vulgo Schulden) aufgebaut haben:

Finanzierungssalden AT

Bis 2008 war die Welt so wie sie NachkriegsökonomInnen gewohnt sind: die privaten Haushalte bildeten Ersparnisse, der Finanzsektor war leicht im Überschuss, aber jedenfalls nahe der Nulllinie und die Unternehmen und der Staat nahmen die Ersparnisse der Haushalte auf, um ihre Aktivitäten zu finanzieren.

Die orange Linie zeigt den Überschuss bzw. das Defizit des Restes der Welt an. Österreich wurde ab 2002 von einem Land, das Geld aus dem Ausland aufnahm, um damit zu arbeiten, zu einem Land, das per Saldo Geld ans Ausland verleiht, oder besser, früher aufgebaute Schulden begleicht.

Wenn Unternehmen zum Sparverein werden

Ab 2009 zeigt sich eine dramatische Entwicklung: die Unternehmen haben offenbar nicht mehr genug Ideen, Zukunftshoffnung oder Unternehmungsgeist, um ihr erwirtschaftetes Geld und jenes der privaten Haushalte in ertragreiche Projekte umzusetzen. Plötzlich beginnen auch sie dem schlechten Beispiel des deutschen Unternehmenssektors zu folgen und statt Fabriken, Geschäfte oder ähnliches zu errichten, Geld einfach zur Seite zu legen. Damit sinkt ihre Investitionsnachfrage. Da gleichzeitig auch ihr Arbeitskräftebedarf nachlässt, sinkt indirekt auch die Nachfrage der Haushalte, was nur zum Teil durch eine niedrigere Ersparnisbildung der Haushalte ausgeglichen wird.

Will man in so einer Situation nun verhindern, dass die Gesamtwirtschaft mangels Nachfrage schrumpft, bleiben nur drei Alternativen:

  1. Der Staat springt bewusst und aktiv ein und stabilisiert die Nachfrage, beispielsweisedurch ein europäisches Investitionsprogramm für nachhaltiges Wachstum und gute Arbeit oder ein Konjunkturprogramm wie dies teilweise im Jahr 2009 geschehen ist.
  2. Der Staat nimmt passiv höhere Defizite in Kauf durch steigende Arbeitslosigkeit und Einnahmeausfälle.
  3. Dem Ausland Geld leihen damit dort mehr Produkte gekauft werden, damit die heimischen Exporte steigen.

Das Problem mit der letztgenannten Strategie ist, dass irgendwann, wenn zB Spanien oder Griechenland ihre Schulden zurückzahlen sollten, sie auch das Geld dafür verdienen müssen. Wenn bei uns jedoch so schon nicht genug Nachfrage besteht, wird es für diese Länder noch schwieriger, in Deutschland oder Österreich etwas zu verdienen, um ihre Defizite abzubauen. Diese scheinbare Lösung ist also weder nachhaltig noch für ganz Europa anwendbar.

Sparen hilft nicht

Wenn das Kernproblem der Wirtschaft die mangelnde Bereitschaft ist, Ersparnisse bzw. Finanzierungen für Investitionen einzusetzen, dann führt zusätzliches Sparen nur in eine noch tiefere Rezession. Das zeigte sich in Griechenland, Irland oder Spanien, wo Kürzungsmaßnahmen unter Druck der Troika umgesetzt wurden.

Das einzige Rezept, das gegen die derzeitige Krise hilft, ist eine höhere gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die kann durch höhere Staatsschulden, aber auch durch eine gleichere Verteilung von Arbeitszeit, Einkommen und Vermögen erzielt werden. Mehr Sparen hilft hier aber gar nichts.