Das Schumpeter-Hotel: Soziale Mobilität als Mythos

Branko Milanović, 5. April 2016

Verteilung, soziale MobilitätHohe Ungleichheit als Preis für eine hohe soziale Mobilität – das ist die Story des American Dream. Doch neue Forschungen zeigen, dass dies ein Mythos ist. Tatsächlich gilt: Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich die nächste Generation nach oben arbeiten kann.

In einem seiner seltenen Beiträge zum Thema Ungleichheit hat Joseph Schumpeter einst eine Metapher verwendet, um den Unterschied zwischen der Ungleichheit, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachten, und der sozialen Mobilität (oder der zwischen den Generationen) zu illustrieren. Angenommen, es gäbe ein mehrstöckiges Hotel, so Schumpeter, in dem die oberen Etagen besser ausgestattet sind und weniger Menschen beherbergen.

Das Hotel als Sinnbild für den American Dream

Zu jedem beliebigen Moment gäbe es eine Menge Menschen, die im Erdgeschoss in engen Zimmern wohnen würden und nur einige wenige Menschen in den mit einem guten Ausblick ausgestatteten schönen und komfortablen Appartements im Obergeschoss. Aber dann fangen wir an, die Gäste umzuquartieren und lassen sie jede Nacht die Zimmer wechseln. Das ist genau das, was laut Schumpeter die soziale Mobilität tun wird: Zu jedem beliebigen Zeitpunkt wird es immer reiche und arme Menschen geben – aber wenn wir den Zeitraum verlängern, sind die Reichen von gestern die Armen von heute, und andersherum. Die Gäste aus dem Erdgeschoss (oder zumindest ihre Kinder) haben es an die Spitze geschafft, die aus den oberen Etagen sind hinunter ins Erdgeschoss gefallen.

Schumpeters Metapher wurde lange Zeit auch als Metapher für die Ungleichheit in den USA verwendet. Es wurde für selbstverständlich gehalten, dass im 20. und sogar im 19. Jahrhundert die Einkommensungleichheit in den USA größer war als in Europa. Aber es wurde auch behauptet, dass die US-amerikanische Gesellschaft viel durchlässiger und weniger klassengebunden war und es eine größere soziale Mobilität gab. (Diese Ansicht hat natürlich bequemerweise die gewaltige Rassentrennung in den USA übersehen.) Mit anderen Worten: Ungleichheit war der Preis, den Amerika für seine hohe soziale Mobilität gezahlt hat.

Das war ein Bild, das in Einklang mit dem American Dream stand. Aber hat es auch gestimmt? Das haben wir eigentlich nie gewusst, abgesehen von anekdotischen Belegen aus den Biografien von Migranten, weil es bis vor kurzem keine empirischen Studien zur Mobilität zwischen den Generationen gab. Aber bevor ich dazu komme, möchte mich noch in sehr vereinfachter Form auf die Beziehung von Ungleichheit und sozialer Mobilität konzentrieren.

Geht soziale Mobilität mit Ungleichheit zusammen?

Stellen Sie sich ein Diagramm vor, dass Gesellschaften bezüglich der sozialen Mobilität und Ungleichheit klassifiziert. Ausgehend vom oben erwähnten Beispiel würden wir die USA im Quadranten „Hohe Ungleichheit, hohe Mobilität“ einsortieren. Es ist leicht, sich vorzustellen, wie Gesellschaften mit der Klassifizierung „Hohe Ungleichheit, geringe Mobilität“ aussehen: Feudalgesellschaften wären ein Extrembeispiel, aber auch alle Gesellschaften mit hohen Einkommensunterschieden und einer fest etablierten Machtkonzentration bei den Eliten würden in diese Kategorie fallen. Lassen Sie uns also Lateinamerika oder Pakistan in diesen Quadranten schreiben.

Es ist ebenfalls ziemlich einfach, Beispiele für den Quadranten „geringe Ungleichheit, hohe Mobilität“ zu finden: In diese Kategorie fallen mutmaßlich die nordischen Länder mit starken öffentlichen Bildungssystemen, die eine hohe Mobilität zwischen den Generationen erlauben, während die Umverteilung der Einkommen eine niedrige Ungleichheit sicherstellt.

Dagegen ist es wesentlich schwieriger, Beispiele für Gesellschaften des Quadranten „geringe Ungleichheit, geringe Mobilität“ zu finden. Es scheint naheliegend sein zu denken, dass es in einer Gesellschaft mit geringer Ungleichheit sehr schwer ist, die Söhne und Töchter von Menschen, die nur ein geringfügig kleineres Einkommen haben, permanent unter den Einkommen der Söhne und Töchter aus der höher gestellten Gruppe zu halten.

Man könnte sich fragen, was „Mobilität“ in diesen Fällen tatsächlich heißt: Wenn die Einkommen zwischen Menschen verschwindend gering sind und Ihre Kinder um diesen geringfügigen Betrag reicher bleiben als meine, bin ich nicht sicher, dass diese fehlende soziale Mobilität wirklich viel ausmacht. Vielleicht fallen in diese Kategorie einige gilden-ähnliche Gesellschaften, in denen Berufe nicht frei gewählt werden können, aber wo die Einkommensunterschiede zwischen den Tätigkeitsfeldern gering sind. Kommunistische Gesellschaften hatten einige Aspekte, die sie zu (schwachen) Kandidaten für diesen Quadranten machen:

soziale Mobilität

Quelle: Milanović bzw. MAKRONOM

Nachdem wir unsere Gedanken sortiert haben, lassen Sie uns jetzt die empirischen Belege betrachten. Die berühmtesten stammen aus der jüngsten Arbeit von Miles Corak, der sich auf frühere Studien von Gary Solon, Blunden, Gregg und Macmillan, Björklund und Jäntti und anderen stützt.

Was diese Autoren herausgefunden haben ist, dass es eine starke Korrelation zwischen aktueller Ungleichheit und der zwischen den Generationen gibt. Oder, um es in anderen Worten zu sagen, zwischen Ungleichheit und geringer sozialer Mobilität: Je ungleicher eine Gesellschaft, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die nächste Generation weiter nach oben kommt (oder im Gegenzug: desto unwahrscheinlicher ist die Verkleinerung der reichen Schicht). Im Sinne unseres einfachen Diagramms hat Corak ermittelt, dass sich Gesellschaften entlang der Diagonale aufreihen: Es gibt keine Ausreißer, bei denen Gesellschaften das Modell des American Dream oder das der gilden-ähnlichen Gesellschaften darstellen.

Es gibt keinen Amerikanischen Exzeptionalismus

Die Implikation dieses Ergebnisses ist das, was Alan Krueger die „Great Gatsby-Kurve“ genannt hat: Es gibt keinen Amerikanischen Exzeptionalismus. Das bequeme Bild einer hohen Ungleichheit, die die Mobilität zwischen den Generationen nicht behindert, hat sich als falsch herausgestellt. Die USA verhalten sich nicht anders, als andere Gesellschaften mit einer hohen Ungleichheit. Eine hohe heutige Ungleichheit verstärkt die Einkommensunterschiede zwischen den Generationen und sorgt dafür, dass die soziale Mobilität noch schwieriger zu erreichen ist.

Das ist auch das Ergebnis eines Papiers, dass ich vor kurzem gemeinsam mit Roy van der Weide veröffentlicht habe. Anhand von US-Mikrodaten von 1960 bis 2010 zeigen wir, dass arme Menschen in den US-Staaten mit hoher anfänglicher Ungleichheit in den folgenden Jahren ein geringeres Einkommenswachstum verzeichneten.

Diese wichtige Erkenntnis, nach der die bestehenden Gesellschaften (im Gegensatz zu den „erträumten“) entlang der Diagonale unserer Tabelle aufgereiht sind, hat also zwei wichtige Implikationen:

  1. Der Amerikanische Exzeptionalismus hat in Bezug auf die Einkommensverteilung keine reelle Basis.
  2. Wir können mit großer Sicherheit die leicht verfügbaren Daten zur aktuellen Ungleichheit als Anzeichen für die soziale Mobilität verwenden.

Aufgrund dessen kann niemand behaupten, dass Gesellschaften mit hoher Einkommensungleichheit auch Gesellschaften mit einer hohen Chancengleichheit wären. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Wenn wir heute eine hohe Einkommensungleichheit feststellen, impliziert das eine sehr geringe Chancengleichheit.

Dieser Beitrag wurde auf Deutsch im sehr empfehlenswerten wirtschaftspolitischen Online-Magazin Makronom erstveröffentlicht.