Bildung als Schlüssel für „Industrie 4.0“?

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Ilse Leidl-Krapfenbauer, 2. Mai 2017

Bildung und der sich verändernde Qualifikationsbedarf sind zentrale Themen in der Digitalisierungsdiskussion, an denen man derzeit nicht vorbeikommt. Und das nicht zu Unrecht: Denn digitale Kompetenzen und Bildung werden  eine wichtige Voraussetzung für die individuellen Teilhabemöglichkeiten von jedem von uns in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt sein. Doch damit auch alle gleichberechtigt die für die (Arbeits-)welt von heute und morgen benötigten Fertigkeiten erlangen können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen.

Neue Anforderungen? Rucksack mit Fähigkeiten packen

Aufgrund der Digitalisierung ergeben sich neue Anforderungen an die berufliche Ausbildung aber auch das Weiterbildungssystem. So werden bestimmte Kompetenzen künftig stärker benötigt. Um eine weitere Spaltung der Bevölkerung zu verhindern, müssen alle Menschen bei den Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt und den Bildungseinrichtungen teilnehmen können.

Studien, die sich an einer Beschäftigungsprognose im Lichte der Digitalisierung versuchen, gehen – auch wenn es im Detail größere Unterschiede bei den Prognosen gibt – davon aus, dass Tätigkeiten, die eine geringe Qualifikation voraussetzen bzw. auch einen hohen Routineanteil haben, weniger nachgefragt werden und dieses Segment des Arbeitsmarktes bzw. die Beschäftigten in diesen Bereich stärker unter Druck kommen.

Die Prognosen gehen weiters davon aus, dass die Routinetätigkeiten sowohl in produzierenden also auch administrativen Bereichen zurückgehen werden. Damit einher geht auch ein steigender Bedarf nach „soft skills“ und projektbezogener und fachbereichsübergreifender Zusammenarbeit. Eine Vermittlung dieser Fähigkeiten kombiniert mit dem Erlernen von digitalen sowie fachlichen Kompetenzen ist sowohl für die individuellen Chancen am Arbeitsmarkt sehr wichtig als auch für die allgemeine Entwicklung unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Neben gut qualifizierten Arbeitskräften braucht es auch souveräne KonsumentInnen für neue digitale Märke, und kompetente informierte StaatsbürgerInnen.

Digitalisierung als Chance gegen „Digital Divide“?

Digitalisierung kann eine Chance sein, dass mehr Menschen – auch solche, die im traditionellen Bildungsverständnis nicht „bildungsaffin“ sind – an Bildungsmaßnahmen teilnehmen können. Über Online-Kurse (beispielsweise bietet die Plattform IMooX  aus der Steiermark Online-Kurse für alle an), besser anpassbare Module, einem stärkeren Methodenmix usw. kann vermehrt (auch ortsunabhängig) Wissen vermittelt werden. Doch auch hier gibt es Grenzen: Auch wenn sich viele Arbeitgeber wünschen, dass Weiterbildungen dann in der Freizeit absolviert werden könnten, bedeutet digitale Bildung nicht dass diese „nebenbei“ stattfindet.

Bildung ist auch eine Ressourcenfrage!

Denn Menschen brauchen nach wie vor entsprechende Ressourcen um sich weiterzubilden, also vor allem Zeit und auch einen Raum bzw. die technische Infrastruktur. Gerade Frauen, die oft die Hauptlast der Familienarbeit tragen und auch erwerbstätig sind, würden bei beruflichen Weiterbildungen in der Freizeit durch die Finger schauen. Oder einem älteren Hilfsarbeiter mag es auch an der fehlenden technischen Ausstattung zu Hause scheitern.

Das Erlernen von digitalen Kompetenzen und Lernen mit digitalen Hilfsmitteln setzt den Zugang zu viele Ressourcen voraus: Die Lernzeit, adäquate Lernumgebungen, technische Infrastruktur an Bildungseinrichtungen, private Lernbegleiter und nicht zuletzt der Lebensunterhalt für lernende Erwachsene müssen finanziert bzw. bereitgestellt werden.

Fazit

Bildung und digitale Kompetenzen sind nicht nur eine Notwendigkeit für Teilhabe in einer digitalisierten Gesellschaft und am Arbeitsmarkt, sondern auch Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Der digitale Wandel betrifft dabei alle Ebenen der Bildung: frühkindliche Bildung, Schule, berufliche Ausbildung, betriebliche Weiterbildung, Erwachsenenbildung und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen.

Umfassende und zugängliche Bildungsangebote sind essentiell damit wirklich alle Menschen am digitalen Wandel teilhaben und sich an der Gesellschaft beteiligen können. Die Ausbildung ist dabei ein wichtiger Aspekt aber es geht vor allem auch um ein Lernen, wie man sich kritisch reflektiert und emanzipiert in der (Arbeits-)Welt von morgen bewegt. Denn Bildung ist nicht nur berufliche Bildung.

Studien zeigen, dass es durchaus einen Kompetenzbedarf für die „Industrie 4.0“ gibt, die entsprechenden Schulungsangebote werden entwickelt werden. Wichtig dabei ist, dass alle Beschäftigte – egal ob älter oder Anlernkraft – und auch arbeitslose Personen an diesen Angeboten teilhaben können. Hier muss man neben der passenden Ausgestaltung dieser Maßnahmen vor allem auf einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung abzielen.

Ich denke allerdings nicht, dass ausschließlich mit dem Erwerb von Kompetenzen für die Arbeitswelt von morgen die Digitalisierung zu einem Erfolg für Alle wird. Denn es kommt vor allem auf eine gerechte Verteilung des Wohlstandes auf und gleiche Teilhabechancen für Alle an.