Automatisierung und Beschäftigung: Ein Rückblick aufs 20. Jahrhundert

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Michael Mesch, 11. Mai 2016

Michael Mesch, Lohnpolitik, Automatisierung, BeschäftigungGegenwärtig wird intensiv über die möglichen Auswirkungen diskutiert, die eine Verwirklichung der „Industrie 4.0“- oder „Wirtschaft 4.0“-Konzepte hätte; insbesondere auf das Niveau der Beschäftigung, die berufliche Zusammensetzung der Beschäftigung, die Tätigkeitsprofile der Berufe, die Qualität der Arbeit u.v.m. Dies ist ein guter Zeitpunkt, um einen Blick zurück aufs 20. Jahrhundert zu werfen. Welche Auswirkungen hatte der beispiellose technische Fortschritt seit der Zweiten Industriellen Revolution Ende des 19. Jh.? Selbstverständlich ist es nicht möglich, aus den Entwicklungen der Vergangenheit die zukünftigen Tendenzen abzuleiten. Aber der Blick zurück hilft, Einflussfaktoren und Zusammenhänge auf der Mikro-, der Meso- und der Makroebene sowie zwischen diesen zu identifizieren, die beim seriösen Versuch einer Vorschau zu berücksichtigen sind.

Technischer Fortschritt in Gestalt von Prozessinnovationen und damit verbundene organisatorische Innovationen haben seit der Ersten Industriellen Revolution des späten 18. und frühen 19. Jh. massive Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, im Bergbau, in der Energiegewinnung, in der Sachgütererzeugung und im Transportwesen bewirkt. Diese haben, ausreichenden Wettbewerb vorausgesetzt, starke Preissenkungen von Nahrungsmitteln, Energie, Transportleistungen, industriell erzeugten Konsumgütern des täglichen Bedarfs, dauerhaften Konsumgütern und Investitionsgütern zur Folge gehabt.

Anteile der Wirtschaftssektoren an der Gesamtheit der Erwerbspersonen in Österreich 1934-2001 (in %)

Quellen: ÖSTAT bzw. Statistik Austria: Volkszählungen 1934-2001. Erwerbspersonen = Selbstständige, Mithelfende, unselbstständig Beschäftigte (ohne geringf. Besch.), Arbeitslose. Sekundärer Sektor = Verarbeitende Industrie und produzierendes Gewerbe, Bergbau, Bauwirtschaft, Energie- und Wasserversorgung.

Quellen: ÖSTAT bzw. Statistik Austria: Volkszählungen 1934-2001.
Erwerbspersonen = Selbstständige, Mithelfende, unselbstständig Beschäftigte (ohne geringf. Besch.), Arbeitslose.
Sekundärer Sektor = Verarbeitende Industrie und produzierendes Gewerbe, Bergbau, Bauwirtschaft, Energie- und Wasserversorgung.

Einige Schlaglichter auf die Wirtschaftsgeschichte belegen dies: Mit der Zweiten Industriellen Revolution des späten 19. und frühen 20. Jh., die v. a. auf der Elektrifizierung und der breiten Anwendung des Verbrennungsmotors beruhte, begann der Siegeszug der modernen Massenproduktion (Fließbandtechnik etc.) in einer Vielzahl von Industriebranchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden elektrische Haushaltsgeräte und Pkws für die Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich. Infolge des Einsatzes von Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen fielen die Preise von Nahrungsmitteln, und der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen sank weiter und weiter (siehe Abbildung). Die modernen IKT und Steuerungstechniken bildeten die Voraussetzung für die flexible Spezialisierung in der Industrie und für die Preisreduktionen und Produktinnovationen im Bereich der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik. Der Einsatz von Robotern ermöglichte weitere Preissenkungen bei industriellen Produkten aller Art, von Nahrungsmitteln bis zu Fahrzeugen und Werkzeugmaschinen.

Auswirkungen auf Qualität der Arbeit und Lebensqualität

Automatisierungstechniken ersetzten in der Tat Arbeit (genauer gesagt: standardisierbare und routinisierbare Tätigkeiten; Substitutionseffekte). Unzählige körperlich anstrengende, auf lange Frist die Gesundheit untergrabende, gefährliche und/oder monotone, in psychischer Hinsicht abstumpfende Tätigkeiten im Bergbau, in der Sachgüterproduktion, in der Landwirtschaft, im Transportwesen und anderen Bereichen wurden von Maschinen übernommen. Infolgedessen verbesserten sich die Qualität der Arbeit und die Lebensqualität, stieg die Lebenserwartung.

Die Anwendung dieser Techniken erforderte jedoch gleichzeitig den Einsatz von höher qualifizierten Arbeitskräften (Komplementaritätseffekte; qualifikationsverzerrter technischer Fortschritt seit der Zweiten Industriellen Revolution Ende des 19. Jh.).

Weiters erhöhte der Einsatz von Automatisierungstechniken über verschiedene Kanäle (Linkage-Effekte, Preis- und Einkommenseffekte, Exporteffekte) die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Sachgütern und Dienstleistungen. Diese Effekte bewirkten daher einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Arbeitskräftenachfrage.

Verteilung der Produktivitätserträge entscheidend

Große Bedeutung kam und kommt in diesem Zusammenhang der Verteilungsfrage zu: Wem flossen die Erträge aus dem Produktivitätsfortschritt zu? Konzentrierten sich diese auf wenige KapitaleignerInnen, oder wurden die Beschäftigten durch produktivitätsorientierte Lohnpolitik (und/oder Arbeitszeitverkürzung) in hohem Ausmaß an den Ertragszuwächsen beteiligt? In der Ära des fordistischen Kapitalismus (siehe unten) war die Einkommensverteilung relativ (zur Zwischenkriegszeit und auch zur Ära des Neoliberalismus ab den 1980er-Jahren) ausgeglichen, und die Gewerkschaften waren in der Lage, eine am mittelfristigen Trend der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität ausgerichtete Lohnpolitik durchzusetzen, was sich wesentlich auf Preis-, Einkommens- und Produktinnovationseffekte auswirkte.

Der technische Fortschritt nahm insbesondere auch die Form von Produktinnovationen an, wodurch ganz neue Branchen und Berufe entstanden, was ganz erhebliche Beschäftigungseffekte bedeutete (Produktinnovationseffekte).

Obwohl die Automatisierung den Arbeitsbedarf je Outputeinheit wesentlich senkte und die Erwerbsbeteiligung der Frauen stark zunahm, hatte dies im 20. Jh. in den hoch entwickelten Industrieländern Europas und Nordamerikas keinen langfristigen Anstieg der Arbeitslosenrate zur Folge.

Trotz des sehr starken Produktivitätsanstiegs (Verdreifachung des realen Pro-Kopf-Einkommens) erhöhte sich im 20. Jh. die Erwerbstätigenquote (Erwerbstätige in Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter) in den hoch entwickelten Volkswirtschaften.

Gleichzeitig fiel die Arbeitszeit je Beschäftigten in den Industriestaaten stark: Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit halbierte sich zwischen 1870 und 2000 von 2.950 auf 1.500 Stunden. Die Ersetzungseffekte der Automatisierungstechniken wurden also in hohem Maße ausgeglichen, phasenweise sogar deutlich überkompensiert durch die Komplementaritätseffekte und die makroökonomischen Effekte.

Goldene Ära: Trotz sehr raschen Produktivitätsfortschritts keine höhere Arbeitslosigkeit

Dass hohe Produktivitätszuwächse keineswegs automatisch auch gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsrückgänge bedeuten, lässt sich besonders markant an den Entwicklungen in Österreich während der „goldenen Ära“ des fordistischen Kapitalismus von Mitte der 1950er- bis Mitte der 1970er-Jahre zeigen. Diese Phase war u. a. durch außergewöhnlich raschen Produktivitätsfortschritt gekennzeichnet: Das BIP je Beschäftigten erhöhte sich zwischen 1960 und 1973 gemäß OECD Historical Statistics um 5,0% p.a.

In dieser Periode befanden sich die verarbeitende Industrie und das produzierende Gewerbe Österreichs (und der anderen westeuropäischen Länder) in einer positiven Wachstumsspirale. Aufgrund von simultanen und zusammenhängenden Effekten gingen in dieser Phase hohes Produktivitätswachstum und Beschäftigungsexpansion in vielen Branchen der Sachgüterproduktion Hand in Hand. Der produktivitätsorientierten Lohnpolitik und der relativ ausgeglichenen Einkommensverteilung kam in diesen Zusammenhängen besondere Bedeutung zu.

Erstens bewirkten die sehr starken Produktivitätserhöhungen im Bereich der verarbeitenden Industrie und des produzierenden Gewerbes einen Rückgang der relativen Preise vieler Industrieprodukte: Da sich der Anstieg der nominellen Arbeitsverdienste in den einzelnen Branchen nicht an branchenspezifischen, sondern an gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen, insbesondere den Tendenzen von realer Arbeitsproduktivität und Verbraucherpreisen, orientierte, fielen die industriellen Lohnstückkosten.

Weil zweitens die Nachfrage nach industriellen Produkten auf Preisreduktionen positiv reagierte und die Verteilung der Einkommen relativ ausgeglichen war, hatte die Senkung der relativen Preise von Industrieprodukten einen entsprechenden Anstieg der Nachfrage zur Folge. Die relativen (oder sogar absoluten) Preisrückgänge verwandelten exklusive Produkte in Güter des Massenkonsums. Der resultierende Beschäftigungsanstieg überkompensierte den arbeitssparenden Effekt des Produktivitätsfortschritts.

Drittens reagierte die Nachfrage nach Industrieprodukten, insbesondere nach dauerhaften Konsumgütern, stark auf Einkommenszuwächse. Die aus den steigenden Realeinkommen (produktivitätsorientierte Lohnpolitik!) resultierenden zusätzlichen Verbrauchsausgaben der privaten Haushalte der zunehmend breiten Mittelschicht flossen in hohem Maße also wieder in den Sachgütersektor. Dies bewirkte dort zusätzliche positive Beschäftigungseffekte.

Weitere Produktivitätsfortschritte ergaben sich in dieser Spirale industriellen Wachstums im Zuge der Marktausdehnung aus zunehmenden Skalenerträgen und aus Verbundeffekten: Neue Produkte wurden durch Prozessinnovationen effizienter und billiger produziert, was zu Marktausweitungen (Exporteffekte), daraus folgenden Produktivitätsgewinnen und weiteren Absatzsteigerungen usf. führte. Daher wurde für diese Periode (und nicht nur für diese) auch ein positiver Zusammenhang zwischen Outputwachstum und Produktivitätswachstum konstatiert (Kaldor-Verdoorn-Zusammenhang).

Mitte der Siebzigerjahre endete in Österreich ebenso wie in den meisten anderen westeuropäischen Ländern die Wachstumsphase, die in hohem Maße auf den wechselseitigen Verstärkungen zwischen Produktivitäts- und Einkommenswachstum sowie Beschäftigungs- und Marktexpansion im Sachgütersektor beruht hatte.

Fazit

Trotz des beispiellosen technischen Fortschritts im 20. Jh. gab es langfristig keine steigende Tendenz der Arbeitslosigkeit und keine sich verfestigende Sockelarbeitslosigkeit.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Kurzfassung des Editorials in der Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift Wirtschaft und Gesellschaft.