Lebensphasenorientierte Arbeitszeitwünsche stärker berücksichtigen!

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Michael Schwendinger, 26. April 2016

michaelschwendinger_100x100Im mittlerweile wieder populär gewordenen Arbeitszeitdiskurs fallen häufig die Schlagworte „lebensphasenorientierte Arbeitszeiten“ (kürzlich beispielsweise von der bayrischen IG Metall auch für die Industrie gefordert) sowie „alternsgerechtes Arbeiten“ (das „n“ ist hier wegweisend). Um zu verstehen, was österreichische unselbständig Beschäftigte in unterschiedlichen Lebensphasen tatsächlich gerne für Arbeitszeiten hätten, hilft ein Dateneinblick. Da individuelle Zeitsouveränität ein entscheidendes Instrument zum Abbau von arbeitsbedingtem Stress, für Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie „alternsgerechtes“ Arbeiten ist, sollten ArbeitgeberInnen die Wünsche ihrer Beschäftigten stärker berücksichtigen.

Eltern

In einem früheren Blogbeitrag wurden bereits die unterschiedliche Struktur weiblicher und männlicher Arbeitszeiten, die Teilzeitquoten, die oft vergessene Nicht-Erwerbs- bzw. Reproduktionsarbeit sowie das sogenannte „Gender Time Gap“ von rund 8,6 Wochenstunden (2014) kurz angesprochen. Wenn die Rede von „lebensphasenorientierter Arbeitszeit“ ist, ist meist auch die vielzitierte „Rush-Hour des Lebens“ nicht weit – gemeint ist jene Lebensphase, in der alles zusammen kommt: Karriereleiter erklimmen, Familie gründen, Nest bauen und zudem das noch junge Leben genießen, reisen, Sport treiben, etc. Wie sich die Arbeitszeiten von unselbständig Erwerbstätigen unterscheiden, die zu Eltern werden, zeigt die folgende Abbildung.

Arbeitszeiten von Eltern (2014), in Wochenstunden

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Auf den ersten Blick sieht man eine sich öffnende Schere, das bereits erwähnte „Gender Time Gap“ steigt von 3,7 in Nicht-Familienhaushalten, auf ein Maximum von 12,7 Wochenstunden bei Familien mit 3 Kindern (AlleinerzieherInnen, Lebensgemeinschaften & Ehepaare). Erst in Haushalten mit 4 und mehr Kindern, nähern sich die Arbeitszeiten von Vätern und Müttern wieder etwas an. Nimmt man zusätzlich die Wunscharbeitszeiten (übrigens ohne Erwähnung eines Lohnausgleichs) ins Bild, lässt sich sagen: Väter wollen im Vergleich zu ihrer tatsächlichen Arbeitszeit reduzieren, Mütter wollen verlängern.

Altersgruppen

Dass das Alter von ArbeitnehmerInnen für eine „Lebensphasenorientierung“ sowie „alternsgerechtes Arbeiten“ höchst relevant ist, erklärt sich von selbst. Betrachtet man die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden pro Woche nach Altersgruppen, fällt auf, dass in der jüngsten Gruppe (unter 25 Jährige) der Großteil der Beschäftigten 35 bis 40 Wochenstunden arbeitet, aber nur rund 5 % über 48. Anders ist die Lage bei den über 56 Jährigen: hier wird verhältnismäßig selten im mittleren Stundenbereich gearbeitet, jedoch so oft wie in keiner anderen Altersgruppe unter 19 sowie über 48 Wochenstunden.

Ob diese Arbeitszeitverteilungen auch gewünscht sind, zeigt die folgende Abbildung. Saldiert man die normalerweise geleistete, mit der gewünschten Arbeitszeit, erhält man die „Wunschstundenlücke“.

Wunschstundenlücke je Altersgruppe (2014), in Wochenstunden

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Auf einen Blick zeigt sich einerseits, dass Teilzeitbeschäftigte – egal welchen Alters – lieber länger arbeiten würden, Vollzeitbeschäftigte kürzer. Andererseits ist der Verkürzungswunsch bei älteren ArbeitnehmerInnen am größten (-1,3 Stunden), während BerufseinsteigerInnen im Gesamtschnitt sogar lieber verlängern (+0,2 Stunden) würden.

Arbeitszeitwünsche im Lebensverlauf

Einen weiteren Einblick in lebensphasenorientierte Arbeitszeitdaten erlaubt die nächste Abbildung. Was sich bei den elterlichen Arbeitszeiten (s.o.) bereits abzeichnete, spiegelt sich hier deutlich wieder: die Arbeitszeiten von Frauen nehmen zwischen 30 und 44 Jahren kontinuierlich bis auf einen Tiefstand von 30,4 Wochenstunden ab, während jene von Männern bis auf ein Maximum von rund 42,4 Stunden mit 45-49 Jahren sukzessive ansteigen.

Arbeitszeiten im Lebensverlauf (2014), in Wochenstunden

Arbeitszeitwünsche, Arbeitszeit

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Diese Entwicklungen passieren allerdings nicht ganz freiwillig. Umso älter Männer werden, umso größer wird die (negative) „Wunschstundenlücke“. Bei Frauen ist die Lage wieder umgekehrt: sie wollen vor allem im Alter von 35 bis 44 Jahren eigentlich länger arbeiten – erst mit über 50 dreht sich der Wunsch wieder Richtung Arbeitszeitverkürzung.

Aufgrund dieser sehr unterschiedlichen, ja direkt entgegengesetzten Arbeitszeitverläufe im Leben von Frauen und Männern ist der Gesamtdurchschnitt eher schwierig zu interpretieren. Zwei Tendenzen zeigen sich trotzdem deutlich: Erstens würden BerufseinsteigerInnen zwischen 20-24 Jahren gerne länger arbeiten. Zweitens gilt: umso älter ArbeitnehmerInnen sind, umso größer der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten.

Lebensphasenorientierung heißt Zeitsouveränität

Wer von „lebensphasenorientierten“ und „alternsgerechten“ Arbeitszeiten spricht, kommt um Arbeitszeitwünsche kaum umhin: Menschen sollen selbst mitbestimmen können, in welcher Lebensphase sie wie viel Zeit für Erwerbsarbeit aufbringen möchten und können, oder kurz formuliert: Lebensphasenorientierung heißt Erhöhung der Zeitsouveränität. Dass dies Sinn macht, zeigt auch eine Studie der Universität Basel: neben adäquater Bezahlung und Aufstiegschancen ist individuelle Zeitsouveränität eines der entscheidenden Instrumente gegen arbeitsbedingten Stress.

Auch die hier präsentierten Daten sprechen für sich: in der Rush-Hour des Lebens würden Männer und Väter im Vergleich zu ihrer realiter geleisteten Arbeitszeit lieber Stunden reduzieren, Frauen und Mütter hingegen aufstocken. Sucht man „altersgerechte“ Arbeitszeiten für ältere ArbeitnehmerInnen umzusetzen, dürfen Angebote und Modelle zur individuellen Stundenreduktion nicht fehlen.

Dieser Beitrag basiert auf Nummer 148 der Working Paper Reihe „Materialien zu Wirtschaft und Gesellschaft“ der AK Wien.