Aktuelle Brennpunkte auf dem Arbeitsmarkt: Beschäftigungswachstum, Gesundheit, Bildung und Gleichstellung

Ilse Leidl-Krapfenbauer, 26. Februar 2016

leidl100x100Was tut sich auf dem Arbeitsmarkt? Wie entwickeln sich Beschäftigung und Arbeitslosigkeit? Eine aktuelle Arbeitsmarktanalyse der Arbeiterkammer Wien analysiert und kommentiert die wesentlichen Entwicklungen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt im zweiten Halbjahr 2015. Und es tut sich viel: ein (zu geringes) Beschäftigungswachstum, die schwierige Arbeitsmarktsituation von gesundheitlich beeinträchtigten Personen, die Segmentierung der Arbeitslosigkeit nach Bildungsabschlüssen und last but not least die (Un-)Gleichstellung von Frauen.

Das Beschäftigungswachstum ist nach wie vor zu gering

Der österreichische Arbeitsmarkt hat zwei grundlegende Probleme: erstens das nach wie vor niedrige Wirtschaftswachstum und zweitens das stark steigende Arbeitskräfteangebot, die Gründe dafür liegen in der Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften, den längeren Verbleibsdauern von ArbeitnehmerInnen im Erwerbsleben durch die gesetzten Pensionsreformen und der steigenden Frauenerwerbstätigkeit. Die Beschäftigung ist im Vergleich zum Vorjahr um +1,1% gewachsen, die Arbeitslosigkeit (inkl. SchulungsteilnehmerInnen) allerdings um +6%. Hinzu kommt, dass das Beschäftigungswachstum auf der Zunahme von Teilzeitbeschäftigung beruht.

Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen finden eine immer schwierigere Arbeitsmarktsituation vor

In Österreich weisen etwas mehr als 67.500 Personen, die auf Arbeitssuche sind, eine oder mehrere gesundheitliche Beeinträchtigungen auf. Das sind knapp 20% aller arbeitsuchenden Personen, d. h. knapp jede/r fünfte Arbeitsuchende. Dieser Anteil steigt mit dem Alter an: Bei den arbeitslosen Personen ab 45 Jahren sind es bereits 30%. Im Vergleich zum Vorjahr ist diese Gruppe weitaus stärker vom Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffen: Während die Gesamtarbeitslosigkeit um +9,4% wuchs, stieg sie bei den Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen um knapp +15%. Menschen mit gesundheitlichen Problemen sind zudem auch länger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Bestimmt die Arbeitsmarktposition wesentlich mit: der höchste formale Bildungsabschluss

An der Situation, dass die höchste formal abgeschlossene Ausbildung die Position auf dem Arbeitsmarkt wesentlich beeinflusst, ändert sich nur wenig. Daher gilt nach wie vor: Je höher die Ausbildung desto besser ist die Arbeitsmarktposition. Das spiegelt sich auch im Risiko, von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, wider. Von den durchschnittlich in der zweiten Jahreshälfte als arbeitslos vorgemerkten Personen hatten 46% maximal die Pflichtschule abgeschlossen, 32% eine Lehrausbildung, 5% eine mittlere Ausbildung und der Rest eine höhere Ausbildung. Setzt man das in Relation zu den Beschäftigtenzahlen nach Bildungsabschluss, erhält man die Arbeitslosenquoten nach höchstem formalem Bildungsabschluss. Die Arbeitslosenquote von Männern mit max. Pflichtschulabschluss liegt bei 28,3%, jene der Frauen bei 22,2%. Mit einem Lehrabschluss reduziert sich das Risiko, von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, bereits deutlich: Hier lag die Arbeitslosenquote im zweiten Halbjahr 2015 bei 7,4%.

Von einer Gleichstellung zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt ist man in Österreich immer noch weit entfernt

Gerlinde Hauer und Silvia Hofbauer beschäftigen sich in der Analyse genauer mit der Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Positiv ist, dass in Österreich immer mehr Frauen erwerbstätig sind. Die Beschäftigungsquote ist in den letzten 20 Jahren von 58% auf 67% gestiegen. Trotzdem sind Frauen auf dem Arbeitsmarkt schlechter gestellt: Sie arbeiten häufiger in Teilzeit – die Teilzeitquote bei Frauen liegt bei 47%, bei Männern nur bei 9% – und tragen oft die Hauptlast bei Betreuungspflichten. Das macht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie überwiegend zur Frauensache. Handlungsbedarf besteht vor allem beim Einkommen von Frauen im Vergleich zu den Männern: Der Gender Pay Gap beträgt beim Berufseinstieg rund 12%, nach 15 Jahren liegt dieser bereits bei 43%, wie eine Synthesis-Studie zeigt. Das hängt neben der Arbeitszeit und den betreuungsbedingten Unterbrechungen auch mit den gewählten Berufsfeldern von Frauen zusammen.

Und was ist zu tun? Die Arbeitsmarktpolitik alleine kann die Probleme auf dem Arbeitsmarkt nicht lösen

Von zentraler Bedeutung sind die politischen Antworten, die auf diese und weitere drängende Problemlagen gefunden werden. Es ist wichtig, dass hier alle AkteurInnen und unterschiedliche Bereiche an einem Strang ziehen. Fakt ist, dass die Entwicklung von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit nicht in der Hand eines Ministeriums bzw. Politikbereiches liegen, sondern es ein gemeinsames Vorgehen von Finanz-, Wirtschafts-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik braucht, um die derzeitige Situation zu verbessern. Denn die aktive Arbeitsmarktpolitik kann die Strukturen auf dem Arbeitsmarkt nur kaum verändern, sie ist kein Ersatz für eine gute Wirtschafts- oder Bildungspolitik.

Dennoch hat die Arbeitsmarktpolitik wichtige Funktionen: Sie muss Personen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, Qualifikationen anpassen, die Bewältigung von Hindernissen erleichtern und eine länger andauernde Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt aktiv bekämpfen. Daher ist es von höchster Relevanz, wofür die Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik verwendet werden: Es braucht einen Schwerpunkt in der Arbeitsmarktpolitik für die Aus- und Weiterbildung der Menschen. Daneben braucht es mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für ausgrenzungsgefährdete Personen (auch auf dem zweiten Arbeitsmarkt) und das AMS benötigt ausreichend Personal, um die KundInnen individuell beraten zu können.

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