40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich. Was jetzt mit der Arbeitszeit? Revolution?

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Julia Freidl & Gerlinde Hauer, 13. November 2015

Gerlinde-HauerJulia-Freidl_100Vor vierzig Jahren wurde in Österreich die 40 Stunden-Woche per Gesetz eingeführt. Auf gesetzlicher Ebene hat sich seither bei der Verkürzung der Wochenarbeitszeit nichts mehr bewegt. Während bis Anfang der 1990er die Forderung nach der 35-Stunden-Woche noch von den Gewerkschaften auf die Agenda gebracht wurde, ist die Arbeitszeitverkürzungsdebatte danach von der Diskussion um Arbeitszeitflexibilisierung verdrängt worden. Trotz des Erfolgs von optionalen Modellen für Arbeitszeitverkürzung wie die Freizeitoption stellt sich vor allem aus gleichstellungspolitischer Perspektive die Grundsatzfrage nach einer allgemeinen Verkürzung der Arbeitszeit. Die Allianz der Gewerkschaften und NGOs „Wege aus der Krise“ und die Kampagne zur Einführung einer 35-Stunden-Woche „Kürzer arbeiten – leichter leben!“, die die GPA-djp vor dem Sommer initiierte, sind hier erste wichtige Impulse, denen weitere folgen sollten, denn es gäbe genug gute Gründe diese Diskussion zu führen. Update: Die neue Publikation 40 Jahre 40-Stundenwoche – und jetzt? Impulse für eine geschlechtergerechte Arbeitszeitpolitik (6/2016) macht genau das.

Daten: Eurostat.

Daten: Eurostat.

Die durchschnittlich geleistete Wochenarbeitszeit in Vollzeit von Frauen und Männern liegt bei 35,8 Stunden. Betrachtet man die Arbeitszeit nach Geschlechtern, so ist jene von Männern, auch im Mittel über alle Beschäftigten, konstant bei 40 Stunden und darüber, während die Teilzeitquote von Frauen dramatisch angestiegen ist und somit die durchschnittliche Arbeitszeit von erwerbstätigen Frauen stetig gesunken ist. Man kann also von einer Verkürzung der weiblichen Arbeitszeit ohne Lohnausgleich sprechen. Eine Forderung nach genereller Arbeitszeitverkürzung wird dennoch selten öffentlich thematisiert. Stattdessen spielen hauptsächlich Modelle wie die Freizeitoption, Kurzarbeit, sechste Urlaubswoche oder Bildungskarenz eine Rolle.

Arbeitszeitverkürzung – optional oder generell?

Das Pilotprojekt um die Einführung des 6-Stunden-Tages in der schwedischen Stadt Göteborg findet gerade große internationale Aufmerksamkeit. Wissenschaftlich begleitet werden die Auswirkungen der Einführung eines 6-Stunden-Tages in der öffentlichen Verwaltung untersucht. Es werden zwei Altenheime verglichen, wobei in einem der Arbeitstag für alle ArbeitnehmerInnen auf sechs Stunden reduziert wird. Ziele des Pilotprojektes sind laut Daniel Bernmar, stellvertretender Bürgermeister von Göteborg, der das Projekt im Rahmen der Veranstaltung 40 Jahre 40-Stunden-Woche – und jetzt? präsentierte, das Arbeitsumfeld und die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen zu verbessern, Teilzeitjobs in reduzierte Vollzeitjobs umzuwandeln und ganz grundsätzlich eine neue Arbeitskultur in Schweden zu forcieren.

Die ersten Ergebnisse des Projektes sind vielversprechend: Es gibt weniger Krankenstände, die ArbeitnehmerInnen sind gesünder und glücklicher und auch die PatientInnen berichten von einer Verbesserung der Pflegeleistungen.

Das Schreckensbild der neuen industriellen Revolution

Derzeit kursieren jede Menge Schreckensszenarien von massiven Arbeitsplatzverlusten durch die sogenannte vierte industrielle Revolution. So titelt beispielswiese Die Welt im Mai 2015 „Roboter bedrohen über die Hälfte aller Arbeitsplätze“ und beruft sich hierbei auf eine Studie der Bank ING-Diba (nach Vorbild der viel zitierten Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit), wonach 59 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland durch den technologischen Wandel gefährdet sind. Und auch die Wiener Zeitung berichtete im Oktober die Industrie 4.0 vernichtet mehr Arbeitsplätze als sie schafft – mit dem Verweis auf den Forschungsbericht des IAB über die Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft.

Es würde auf der Hand liegen, meint etwa die deutsche Politikwissenschaftlerin Kurz-Scherf, in diesem Kontext auch eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung als Möglichkeit der Kompensation der zu erwartenden Produktivitätssteigerungen und so auch als Maßnahme zur Sicherung von Arbeitsplätzen zu thematisieren. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil: Kurz-Scherf spricht gar von einer regelrechten „Tabuisierung von Arbeitszeitverkürzung“ in der Digitalisierungsdebatte.

Neue Handlungsmöglichkeiten durch die Care Revolution

Vielversprechender als die Debatte um die digitale Revolution ist für Kurz-Scherf der feministische Diskurs um die Vermarktlichung von Care Arbeit, der parallel dazu geführt wird. Auch hier sei eine Revolution im Gange, die aber vollkommen entgegengesetzte Konzepte verfolgt: Diese sieht ein großes Arbeitsplatzpotenzial sowie Gestaltungsmöglichkeiten für „gute Arbeit“ und „gutes Leben“. Die Arbeitszeitverkürzung ist durch die Erweiterung des Arbeitsbegriffs auf unbezahlte Arbeit ein wichtiger Bestandteil davon.

Denn zur Umsetzung der Care Revolution braucht es eine allgemeine Verkürzung der bezahlten Arbeitszeit um Zeit für sich und für die Familie zu gewinnen. Damit ist aber keineswegs die bereits bestehende Arbeitszeitverkürzung vieler Frauen in Form von Teilzeit gemeint, sondern eine Kürzung der Vollzeit um so eine geschlechtergerechte Umverteilung der Arbeit zu erreichen. Im Gegensatz zum zwiespältigen Zukunftsszenario der Industrie 4.0, bei der um Arbeitsplätze gefürchtet wird, ist der Care Bereich der einzige, in dem es auch in der Krise zu deutlichen Beschäftigungszuwächsen gekommen ist.

Zeit für eine neue Debatte zur allgemeinen Arbeitszeitverkürzung

Auch wenn angekündigte Revolutionen erfahrungsgemäß selten stattfinden, stellt sich nach vierzig Jahren 40-Stunden-Woche die Frage welche Zukunftsvisionen zu Arbeits- und Lebenszeit sich aus ArbeitnehmerInnensicht und feministischer Perspektive ableiten lassen. Die Chance sollte jetzt genutzt werden, um die Arbeitszeitverkürzungsdebatte, die von der Flexibilisierungsdebatte in den letzten Jahrzehnten verdrängt wurde, erneut in den Vordergrund zu stellen.

40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich. Und jetzt?,Hrsg.: Bergmann Nadja, Sorger Claudia Buch + E-Book, 140 Seiten, 30.06.2016, Reihe: Sozialpolitik in Diskussion 18

http://www.arbeit-recht-soziales.at/bergmann-nadja-40-jahre-40-stunden-woche-oesterreich-und-jetzt

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer Diskussion im Rahmen der Konferenz „40 Jahre 40 Stundenwoche – und jetzt?“, welche am 21. Oktober 2015 von der Arbeiterkammer Wien, der Frauenabteilung der Stadt Wien, der Abteilung Arbeitsmarktpolitik für Frauen des AMS sowie dem Bundesministerium für Bildung und Frauen unter Konzeption der L&R Sozialforschung stattgefunden hat. Weiterführende Informationen finden sich unter: http://wien.arbeiterkammer.at/service/veranstaltungen/rueckblicke/40_Jahre_40-Stunden-Woche.html